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Förderpreis 2004




VERLEIHUNG DES FÖRDERPREISES 2004
AN ECKHARD ERXLEBEN

Lieber Eckhard Erxleben,

Sie erhalten unseren Förderpreis 2004, und wir alle freuen uns mit Ihnen. "Derjenige, der diesen Förderpreis bekommt, hebt sich ab vom Tagesdenker, bleibt aber beim Tagesthema …, nimmt Stellung bis ins Mark, bis in seine Träume …". So formulierte 2003 Waltraud Weiß in der IGdA-aktuell 2003. Hören wir Ihnen zu:

berlin wie immer / höre ich / soll es hier sein / wie immer / höre ich / das gras wachsen / diesmal / am potsdamer platz / wächst bald / kein gras / mehr meine sehnsucht / wächst hier /…/ beim turmbau zu berlin / und bitte das gras / langsam zu wachsen / durch jeglichen beton / daß nicht alles / zerfalle / vor der zeit

Sie engagieren sich. Ihr Gedicht nimmt die Ängste vor der baulichen Zerstörung Berlins auf, erinnert mühelos an den Turmbau zu Babel und bittet das Gras, langsam durch den Beton zu wachsen und erst, wenn die Zeit reif ist.
   Wir horchen auf, sind neugierig. Hören wir einige Zeilen aus Ihrem Gedicht chicago blues

… / musik wächst / aus dem galeriehof / hier fuhr die / pferdebahn / vorbei / die tauben / … / flattern auf / zum himmel / führen die schienen /… / aus dem trog / trinken die vergessenen / pferde / ihre schatten / traben klappernd / zum alten ostbahnhof

Das sind sensible, doppelbödige Bilder. Wer steht hinter diesen Gedichten? Wer also sind Sie, lieber Eckhard Erxleben?

1944 in Stendal geboren, wurden Sie auf dem Lande in der Altmark groß. Ein Schicksalsschlag traf Ihre Familie, als noch am letzten Tag des Krieges Ihr Vater in der Schlacht um Berlin fiel. "Allein mit viel Mühen", schreiben Sie, musste Ihre Mutter den Hof bewirtschaften. Jeder, auch Sie als Kind, musste zupacken. Natur und Tiere gehörten selbstverständlich zum täglichen Umgang und die Verantwortung für sie. Dieser Kampf ums Überleben hat Sie geprägt, Sie lernten Zuverlässigkeit und im Schutz Ihrer alteingesessenen Familie die Standfestigkeit, die Sie in Ihrem weiteren Leben brauchten.

Wir stellen uns den sensiblen Jungen vor, der genau hinschaut, dessen Leben sich nicht in der Arbeit und im Spiel mit den Dorfkindern erschöpft. Wir sehen den jungen Mann, der zu schreiben beginnt, dessen erste Arbeiten schon in den sechziger Jahren veröffentlicht werden, sicher misstrauisch beäugt von der Umwelt.
Die Natur findet sich wieder in Ihren Gedichten, manchmal wird sie zum Fluchtpunkt. Ich zitiere aus waldgeboren:

endlich / ruhe finden / weg von allem // den mutterleib / erde atmen …

Sie heiraten, ziehen mit Ihrer Frau zwei Jungen groß. Der Alltag mit seinen kollektiven Pflichten als Lehrer und später Direktor im Kreis Osterburg schränkt Sie ein, hinzu kommen die gesellschaftlichen Zwänge in der DDR. Sie wenden sich nach außen und setzen sich auf durchaus ungewöhnliche Weise für Ihre Schüler ein. Einen Literaturklub gründen Sie, organisieren Literaturwettbewerbe und leiten das Jugendkabarett "Krusemarker Pfefferschnuten", für das Sie regelmäßig Texte schreiben. Wir können uns vorstellen, wie viel ein solcher Lehrer für Kinder bedeutet, bei dem sie ihre Kreativität entfalten dürfen.

Es sind die Jahre, in denen Sie in eigener Sache schweigen. Es mag Ihnen ergangen sein wie Marie-Luise Kaschnitz, wenn sie schreibt:

Lang ist die Zeit, da wir uns keinen Vers machen können / Da die geheimnisvolle Entsprechung misslingt. / Doch erst, wenn die Netze zum Grund des Meeres gesunken / Kommen die Fische, spielen um unser Boot.

Es kommt die Wende und auch Sie krempeln Ihr Leben um. Sie arbeiten in der Erwachsenenbildung und kommen zurück zu sich selbst. Die Lust zum Schreiben ist wieder da, in Ihren Texten klären Sie die eigene Existenz, ziehen Bilanz. Ich zitiere aus Ihrem Gedicht lebenszeichen:

… / sichtbarer / nicht mehr / setze ich / meine zeichen / eher bin ich / von innen tätowiert / …

Ihr erster Gedichtband Baumwörter blau verschleiert erscheint 1999. Sie haben Erfolg, Ihre Gedichte werden beachtet. Nicht ohne tiefen Grund bilden den Abschluss Ihres Bandes Simone Strucks Betrachtungen zur heilenden Wirkung von Poesie. Gedanken, die auch die Medizinerin Felicitas Leitner in ihrem gerade erschienen Buch Die Venus streikt aufgreift. Wir sprachen darüber, Sie kennen es, lieber Eckhard Erxleben.


   Die Welt um uns ist ungewiss geworden. Der Boden unter uns schwankt und nur zu oft sind Dinge und Menschen nicht mehr verlässlich.

   "Bloß das Gedicht bewahrt, was hinter dem Horizont verschwindet", notiert Günter Kunert. Sie schreiben:

die wende

… / nicht abwenden / lieber hinwenden / zu mir selbst allerdings / den fast verlorenen / so nicht mehr

Wie soll es weitergehen? Hat Erika Pluhar Recht, wenn sie beklagt: "Die Vorträumer unseres Glücks sind nicht mehr die Dichter, sondern die Werbepsychologen." Sie halten dagegen:

… / und im gehirn / noch immer hoffnung / vom fliegen / und vom glücklichsein

2000 veröffentlichen Sie Ihr Kinderbuch Wild und frei wie du und 2001 den Roman Die Haut der Platane. Er ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Wende. Sie streifen hierin fast alle Vorurteile zum Verhältnis Ost/West. Sie bestätigen auch in Gedichten, was eben leider tausendfach geschehen ist und noch geschieht.

…/ die eulen sterben / die stunde der erben / die augen der habgier / sind über dem dorf


traumlese ist Ihr bisher letzter Gedichtband, 2003 erschienen in der Autoren-Edition im Neuen Literaturkontor Münster. Gabriele von Hippel-Schäfer hat ihn in der IGdA-aktuell vorgestellt als "eine leise, musikalische, etwas schwermütige, aber unsentimentale Lyrik, deren Bilder, Klang und Fluss der Sprache überzeugen". Hören wir aus Ihrem Gedicht die sterbende wölfin

… / höhlenwände neigen / sich zur enge / … etwas / wie ein rufen / tief in ihr …/ sie hebt sich auf / und läuft und läuft / am horizont / ein weißes licht

Lieber Eckhard Erxleben, Sie haben zu Ihren Arbeiten viel Zustimmung erfahren. Gedichte aus Ihrer traumlese wurden vom Komponisten Hanno Haag vertont und als Liederzyklus in Mannheim uraufgeführt. Im Wiesenburg Verlag erscheint im Oktober die zweite Auflage Ihres Romans.

Warum nun ein Förderpreis? Als jungen Nachwuchsdichter möchten wir Sie nicht unbedingt bezeichnen, allerdings schreiben Sie erst seit fünf Jahren wieder in eigener Sache. Sie sind aufgebrochen, sind weiter unterwegs und haben noch viel vor. Feilen, feilen, feilen, sagen Sie in einem Zeitungsinterview. Mögen Ihre Bilder Ihnen immer intensiver gelingen und Sie diese und jene Falle umgehen. Wir wünschen Ihnen mit dem Förderpreis weiterhin gutes Gelingen.



Cordula Scheel




Mehr von und über Eckhard Erxleben:
Kulturserver
www.eckhard-erxleben.de