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Förderpreis 2004VERLEIHUNG DES FÖRDERPREISES 2004 AN ECKHARD ERXLEBEN
Sie engagieren sich. Ihr Gedicht nimmt die Ängste vor der baulichen Zerstörung Berlins auf, erinnert mühelos an den Turmbau zu Babel und bittet das Gras, langsam durch den Beton zu wachsen und erst, wenn die Zeit reif ist. Wir horchen auf, sind neugierig. Hören wir einige Zeilen aus Ihrem Gedicht chicago blues … / musik wächst / aus dem galeriehof / hier fuhr die / pferdebahn / vorbei / die tauben / … / flattern auf / zum himmel / führen die schienen /… / aus dem trog / trinken die vergessenen / pferde / ihre schatten / traben klappernd / zum alten ostbahnhof Das sind sensible, doppelbödige Bilder. Wer steht hinter diesen Gedichten? Wer also sind Sie, lieber Eckhard Erxleben? 1944 in Stendal geboren, wurden Sie auf dem Lande in der Altmark groß. Ein Schicksalsschlag traf Ihre Familie, als noch am letzten Tag des Krieges Ihr Vater in der Schlacht um Berlin fiel. "Allein mit viel Mühen", schreiben Sie, musste Ihre Mutter den Hof bewirtschaften. Jeder, auch Sie als Kind, musste zupacken. Natur und Tiere gehörten selbstverständlich zum täglichen Umgang und die Verantwortung für sie. Dieser Kampf ums Überleben hat Sie geprägt, Sie lernten Zuverlässigkeit und im Schutz Ihrer alteingesessenen Familie die Standfestigkeit, die Sie in Ihrem weiteren Leben brauchten. Wir stellen uns den sensiblen Jungen vor, der genau hinschaut, dessen Leben sich nicht in der Arbeit und im Spiel mit den Dorfkindern erschöpft. Wir sehen den jungen Mann, der zu schreiben beginnt, dessen erste Arbeiten schon in den sechziger Jahren veröffentlicht werden, sicher misstrauisch beäugt von der Umwelt. Die Natur findet sich wieder in Ihren Gedichten, manchmal wird sie zum Fluchtpunkt. Ich zitiere aus waldgeboren: endlich / ruhe finden / weg von allem // den mutterleib / erde atmen … Sie heiraten, ziehen mit Ihrer Frau zwei Jungen groß. Der Alltag mit seinen kollektiven Pflichten als Lehrer und später Direktor im Kreis Osterburg schränkt Sie ein, hinzu kommen die gesellschaftlichen Zwänge in der DDR. Sie wenden sich nach außen und setzen sich auf durchaus ungewöhnliche Weise für Ihre Schüler ein. Einen Literaturklub gründen Sie, organisieren Literaturwettbewerbe und leiten das Jugendkabarett "Krusemarker Pfefferschnuten", für das Sie regelmäßig Texte schreiben. Wir können uns vorstellen, wie viel ein solcher Lehrer für Kinder bedeutet, bei dem sie ihre Kreativität entfalten dürfen. Es sind die Jahre, in denen Sie in eigener Sache schweigen. Es mag Ihnen ergangen sein wie Marie-Luise Kaschnitz, wenn sie schreibt: Lang ist die Zeit, da wir uns keinen Vers machen können / Da die geheimnisvolle Entsprechung misslingt. / Doch erst, wenn die Netze zum Grund des Meeres gesunken / Kommen die Fische, spielen um unser Boot. Es kommt die Wende und auch Sie krempeln Ihr Leben um. Sie arbeiten in der Erwachsenenbildung und kommen zurück zu sich selbst. Die Lust zum Schreiben ist wieder da, in Ihren Texten klären Sie die eigene Existenz, ziehen Bilanz. Ich zitiere aus Ihrem Gedicht lebenszeichen: … / sichtbarer / nicht mehr / setze ich / meine zeichen / eher bin ich / von innen tätowiert / … Ihr erster Gedichtband Baumwörter blau verschleiert erscheint 1999. Sie haben Erfolg, Ihre Gedichte werden beachtet. Nicht ohne tiefen Grund bilden den Abschluss Ihres Bandes Simone Strucks Betrachtungen zur heilenden Wirkung von Poesie. Gedanken, die auch die Medizinerin Felicitas Leitner in ihrem gerade erschienen Buch Die Venus streikt aufgreift. Wir sprachen darüber, Sie kennen es, lieber Eckhard Erxleben.
traumlese ist Ihr bisher letzter Gedichtband, 2003 erschienen in der Autoren-Edition im Neuen Literaturkontor Münster. Gabriele von Hippel-Schäfer hat ihn in der IGdA-aktuell vorgestellt als "eine leise, musikalische, etwas schwermütige, aber unsentimentale Lyrik, deren Bilder, Klang und Fluss der Sprache überzeugen". Hören wir aus Ihrem Gedicht die sterbende wölfin … / höhlenwände neigen / sich zur enge / … etwas / wie ein rufen / tief in ihr …/ sie hebt sich auf / und läuft und läuft / am horizont / ein weißes licht Lieber Eckhard Erxleben, Sie haben zu Ihren Arbeiten viel Zustimmung erfahren. Gedichte aus Ihrer traumlese wurden vom Komponisten Hanno Haag vertont und als Liederzyklus in Mannheim uraufgeführt. Im Wiesenburg Verlag erscheint im Oktober die zweite Auflage Ihres Romans. Warum nun ein Förderpreis? Als jungen Nachwuchsdichter möchten wir Sie nicht unbedingt bezeichnen, allerdings schreiben Sie erst seit fünf Jahren wieder in eigener Sache. Sie sind aufgebrochen, sind weiter unterwegs und haben noch viel vor. Feilen, feilen, feilen, sagen Sie in einem Zeitungsinterview. Mögen Ihre Bilder Ihnen immer intensiver gelingen und Sie diese und jene Falle umgehen. Wir wünschen Ihnen mit dem Förderpreis weiterhin gutes Gelingen. Cordula Scheel Mehr von und über Eckhard Erxleben: Kulturserver www.eckhard-erxleben.de |