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VERLEIHUNG DES FÖRDERPREISES 2006
AN HEIDRUN SCHALLER

Mutmaßungen
… so beginnt man doch keine Laudatio ... Warum nicht? Mit "Mutmaßungen ... über deinen linken Nachbarn" lernte ich Heidrun Schaller ein wenig näher kennen. Aber kennen? Beim letzten Jahres-treffen in Bad Lauterberg sah ich sie zum ersten Mal. Und wir sahen uns ..., erkannten einander - an der Mode, an der Lust, etwas andere Mode zu tragen, vielleicht ein wenig verrückte oder eher ein wenig diagonale. Soll ich jetzt die Mutmaßung anstellen, sozusagen als Metapher, dass das Ver-rückte, Diagonale, Andere - ihre Lebensweise, vielleicht sogar ihre Lebenslust ist? Ich denke, das könnte stimmen. Ich denke aber auch, dass könnte ablenken, sollte vielleicht sogar ablenken von Äußerlichkeiten, denn die Innerlichkeiten müssen manchmal geschützt werden.

Ein Leben
Als weiblicher Alien
Im Land des schönen Scheins
Unsichtbar
Im Außen
Erschafft sie sich
Mit der Kraft
Der Liebe
Ein inneres Bild
Von weiblichem
Sein

Hier ein paar Daten, die meine Mutmaßungen in etwa beglaubigen: Am 31. Juli 1943 - also als Lö-win - in Eckernförde geboren, 1946 in die Sowjet-union verschleppt, 1953 zurück nach Ost-Berlin, 1954 Flucht in den Westen; Dekorateurin, Erzie-herin, Diplom-Sozialpädagogin. 1 Sohn. Mehrere Buchveröffentlichungen (empfehle: www.kreati-veschaos.de/hschaller.htm). Seit fünfundzwanzig Jahren intensives Schreiben, seit vierundzwanzig Jahren kreative Schreibseminare.

Um Sie neugierig zu machen, erzähle ich Ihnen et-was über das Schreiben - unser aller Lust und "Last". Heidrun Schaller schreibt viel. Eigentlich hat sie immer einen Bleistift in der Hand und ein Büchlein vor sich oder die unsichtbare Tafel bei sich. Schreiben ist die beste Therapie; es hilft bei allem ... Bluthochdruck und Liebeskummer, auch ohne Preise und Veröffentlichungen. Hier aber ist der Förderpreis gleichzeitig ein Danke! Ein Danke an Heidrun Schallers Arbeit mit und am Menschen. Sie koppelt und - ver-kuppelt, wenn sie als Clown auftritt und wie früher an den Höfen der Kaiser und Könige sagen darf, was andere nicht sagen dürfen. Sie koppelt an die Malerei an, verbindet Wort und Mensch (der Name meines Verlages) mit Satz und Strich, mit Wort und Farbe, ein ewiges Spiel des Ausdrucks Liebender. Sie lässt ihre Worte tanzen ...
Gegen
Die Gezeiten
Meines Lebens
Gestemmt
Gezaust und aufrecht
Im Gegenwind
Wandere ich
Grünträumend
Und heißherzig
In meine
Undurchschaubare
Altweiber-Zukunft

Schreiben macht glücklich, schreiben ist wie Blu-men pflanzen, wie Baden oder Sonnen, wie ein gutes Essen, ein wunderbarer Wein. Schreiben ist Genuss, eine Götterspeise, Würze, also ein sinnli-ches Vergnügen. Schreiben ist an sich nicht ge-fährlich. Elke Heidenreich sagt: "Frauen, die lesen, sind gefährlich." Ich denke, wie gefährlich sind dann Frauen, die lesen UND schreiben!
Heidrun Schaller ist gefährlich! Darin ähneln wir uns alle. Wir sind ziemlich gefährliche Schwestern. Ich wünschte mir, wir wären ohne jede Art von Neid, Missgunst, Eifersucht, sondern gefährlich ehrlich im gemeinsamen Genuss des-sen, was uns der liebe Gott geschenkt hat: Eine Begabung von der Art, die jede und jeder für sich zu einem Halleluja oder zu einem Halali machen kann, oder ganz einfach: Soap oder Konzert, Elvis oder Beethoven. Jede Unterhaltung hat ihre Anhänger; und das ist gut so.

Heidrun Schaller sieht sich so:

In meine
Träume
Aufbrechen
Die Partitur
Des Alltags
Neu
Gestalten
Mit allen Sinnen
Das Füllhorn
Ausschreiten
Den spiraligen
Weg
Erkunden -
Leben

Dazu hat sie sicher auch ein Bild gemalt - viel-leicht eine Löwin, die sich gerade von ihren Jun-gen getrennt hat und wieder sie selbst sein kann, ein Bild, das mich - und ich darf ja als Laudatia die für mich schönsten Bilder aussuchen - "an-macht", wie die "Zerzauste" - vom Wind Gewir-belte und die Frau mit dem irren Dreieck im Kopf, wo nicht nur ein Vogel piepst ... Das könnte Heidrun Schaller sein, einfach so "gemutmaßt" ...

Ich glaube, dafür, dass ich sie so kurz erst kenne, habe ich sie recht gut erfasst. Mutmaßungen? Das überlasse ich jetzt Ihnen!
Waltraud Weiß