Start

Über uns

Mitglieder

Auszeichnungen

Rudolf-Descher-Feder

Förderpreis

Nachwuchspreis
Nachwuchspreis 2008
Nachwuchspreis 2008

IGdA-Aktuell

Termine

Neues

Weblog

Feuilleton

Service

Nachwuchspreis 2008




Der 1. Preis geht an Benjamin Bläsi, geboren am 15. Juni 1989, wohnhaft in Wünnewil, einen jungen Schweizer, der zur Zeit Gymnasiast ist, »mit etlichen Unklarheiten über seine spätere Laufbahn, aber mit extraordinärem Interesse an Poesie und Wirtschaftswissenschaften«, für sein Gedicht glasmauer


Müd lächelnd ein backsteinhaus
Laudatio von Waltraud Weiss


Ja, ein Backsteinhaus kann müde lächeln. Seine Traurigkeit zieht aus allen Fensternähten, blind gewordene Sehritzen. Die Türen sind nur stückweise innenblicksichtig und die Rahmen rahmen Alter, müde und morsch.

Karmesinrote Limonen

Winzig blaue blüten bedecken die erde
Wuchern zwischen weizenhalmen,
Riss eine aus, sog den scharf lethargischen duft ein.
Beinahe hätten sie es geschafft,
Die grenze zwischen acker und asphaltband
     verschwinden zu lassen,

beinahe,
wind kam auf, mir war,
als hätte es unter der sengenden mittsommersonne zu
     schneien begonnen.


müd lächelnd ein backsteinhaus.



Eine andere Aussage: Kinder sind unsere Herzen/ Die möchten ruhen müdesüß (Else Lasker-Schüler)


Dazwischen liegen ca. fünfundsechzig Jahre – nur oder schon? Ich denke, nur fünfundsechzig Jahre. Alles, was Kunst ist oder sich dazu entwickelt, hat die Freiheit, sich neu zu erfinden. Niemand darf sich erlauben, das mit seiner Denkweise kritisieren oder ändern zu wollen. Niemand sollte sich an Goethe, Beethoven oder an Lochner messen, davon inspirieren lassen, ja. Die Kunst unterliegt der Freiheit des ständigen Werdens und Begreifens. Da nimmt man das Plus und Minus, das Ver-rückte und das Ewigneue in Kauf und wartet ab, was sich im Auge der Nachwelt tut. Ich habe festgestellt, dass das, was nicht verstanden wird, was anders und neuartig ist, meistens abgelehnt wird, jedoch Preise erhält, von denen allerdings oft kein Künstler leben kann.
   Als ich gebeten wurde, für den Nachwuchspreisträger Benjamin Bläsi die Laudatio zu halten, ohne von ihm mehr als zwei Gedichte gelesen und ihn »gegoogelt« zu haben, habe ich gedacht, eine Verbindung zwischen ihm und mir – einem jungen, sehr jungen Mann, Menschen, und einer schon reichlich an Erfahrung gesammelt habenden Frau, ja – das hat was. Natürlich ist es umgekehrt in unserer Gesellschaft weit verbreiteter, dass ein alter Mann sich mit einer jungen Frau beschäftigt, aber das ist meistens sehr einfach und klar. Aber wenn eine ältere Frau sich über einen jungen Mann Gedanken macht, das ist schon ziemlich – na ja – vielleicht sogar frivol? Was will die von ihm? Umgekehrt weiß man/n das ja.
   Und ich, was will ich? Ich sehe in ihm den Erben, den Sohn, den Enkel, denjenigen, der – wenn ich Glück habe, und ich hoffe, ich habe Glück –, der also mein Gedankengut teilt, es vielleicht bedenkt und annimmt. Ich bin im Vorteil, denn ich weiß, was er denkt, jetzt und in zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahren. Er weiß das nicht. Er kann, wenn er will, in die Fülle des Altwerdens hineinwachsen. Er kann sich von der »Lebensmeisterin« inspirieren und führen lassen. So wie es Romain Rolland bei Malwida von Meysenbug tat. Kennt IHR nicht? Solltet Ihr aber.
   Aber wir wissen auch von der ewigen Suche (Ödipus/Antigone) nach einem jungen Menschen, der uns – blind geworden im Alter oder nichtsehend – dorthin führt, wo wir nicht alleine sein wollen.
   Und das sehe ich im Nachwuchs, egal ob verwandt oder literarisch.
   Was ich damit sagen will, und hier spreche ich als Lyrikerin oder als Verlegerin, erst dann als Waltraud Weiß, als Frau also. Ich will damit sagen, dass es ein größeres Glück als die Liebe gibt. Ja? Ja! Es ist die Arbeit am und mit dem Wort. Es ist das Ringen mit der Sprache. Es ist der Gesang der Gedanken. Es ist der Tanz der Wortspiele. Es ist ein Vergnügen aller Sinne! Eine Lust ... Und diese Lust mit jemandem zu teilen, der gerade erst beginnt, die Lustspiele aller Art kennenzulernen, das ist wie das erste Mal schiffschaukeln. Hoch und höher und zurück und hoch und höher und zurück, höher – ein himmlisches Vergnügen.
   Lesen Sie nun sein preiswürdig-gekröntes Gedicht:



glasmauer


beinahe sprießt pein aus meiner nase
die plattgedrückt an kaltem glas
der kurz erhaschte blick
treibt sehnsüchtige kugelfischblüten;
und kakophone wurzeln tief in mein rückgrat,
ein schmales wegband
schlingt sich durch nebelschlieren & gelbe halme
halb verborgen hinter struppig grau-lianem flieder
beinah’ schmeck’ ich seine trügerische süße auf der
     zunge.

ihr trostlos blauer blick ätzt sich in meine
     hirnwindungen

dem hauch einer andeutung gleich blitzt
ein stückchen haut zwischen rock und strümpfen auf

misanthropisch wird die erinnerung sein,
zerbrechlich wie eisblumen
sie verschwindet hinter einer wegbiegung
dann verhallt das klacken ihrer absätze
den fliederduft hat sie mitgenommen




Auch wenn das blinde Fenster aus dem müden Haus einen anstarrt, wenn der Limonensaft in Schürfwunden peint, auch dann, wenn der Fliederduft mitgenommen worden ist, wenn das Klacken ihrer Absätze verhallt, auch dann will ich das Vergnügen dieser schmerzlichen Erkenntnis mit dem Nachwuchs genießen. Ich möchte ihn an die Hand nehmen und zeigen, in Worten und im Sichtbarmachen, dass diese Straße, seine und meine, die des Alltags und die des Sonntagsausflugs schöner wird, wenn wir sie persönlich, wie es ein Künstler kann, verschönen. Wir können das auch! Und das lässt mich hoffen und diesen jungen Nachwuchskünstler aus der Ferne beobachten. Mal schauen, wie er seine Straße des Lebens beschreibt, entwirft ...

Vielleicht kann er ja irgendwann die Straße der IGdA zu einer weltbekannten Straße der Sprache, der Gemeinsamkeit, der Fortsetzung machen.

Dabei würde ich ihn gerne begleiten!

Dieses wünsche ich ihm und – uns!
Die weiteren Siegertexte vom Nachwuchspreis 2007 und 2008 erscheinen in Heft 4/2008