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aus Schriftstellers Handwerkskasten--> Aus "IGdA aktuell" 4/2007 <-- Die erste Pflicht der Musensöhne ist, dass man sich ans Bier gewöhne. Wilhelm Busch (wird auch Carl Arnold Kortum zugesprochen) Schriftsteller bedienen sich nicht nur gern anderer Schriftsteller, um Ideen zu bekommen, sondern versuchen sie auch mit anderen Methoden anzulocken. Dazu gehören nicht nur Schillers faule Äpfel, sondern auch Marotten wie die von Canetti, bei dem mindestens zehn angespitzte Bleistifte auf dem Schreibtisch liegen mussten, oder Balzac, der eine bestimmte Sorte Federn, blaues Papier, Nacht benötigte und vierzig bis sechzig Tassen Kaffee, die er mit einer Kaffeemaschine zubereitete. Auch Jean Paul hatte früher zum Schreiben Kaffee gebraucht habe, aber, so schreibt er, nun könne er nicht mehr ohne den "befeuernden Schriftstellertrank" leben. Er trank Bier sogar schon morgens, um seine Phantasie anzuregen, denn es "nährt, stärkt mir die Nerven und macht mich heiter". Als Grund für seinen Umzug im Jahr 1804 nach Bayreuth, das nach seinen Aufenthalten in Weimar eine literarische Wüste für ihn war, waren dementsprechend die drei großen B: "Berge, Bücher und bitteres, braunes Bier", die er als Minimum brauche: "… denn bin ich nur einmal in Bayreuth, so soll ein ganz anderes Mäßigkeits-System anfangen. Himmel, wie werd' ich trinken, und doch mäßig." Er habe sich oft bei Gelagen zurückgehalten, um nicht die Kraft durch Trinken ohne Schreibzweck abzustumpfen. Seinem Freund Emanuel, der ihn, als er jung war, auch an entfernten Orten mit Bayreuther Bier versorgt hatte, schreibt er: "Ich wäre bei Gott täglich in Ohmacht gefallen ... wäre nicht Ihr Bier gewesen, meine Lethe, mein Paktolusfluß, mein Nil, meine vorletzte Ölung, mein Weihwasser ..." Un als ihm sein Bruder Gottlieb mal ein besonders wohlschmeckendes Bier schenkte, dankte ihm Jean Paul mit den Worten: "Vorgestern setzte die Akademie der Wissenschaften in München einen Preis von zwei Dukaten auf die beste Auflösung der Preisfrage: was in Baireuth jetzt das beste Gericht sei und was das beste Getränk? Gestern antwortete ich als Mitglied der Akademie: das beste hiesige Gericht sei ein Schinken von meiner Frau Schwägerin, und das beste Getränk sei das Bier, das mir eben mein Bruder ... geschickt. - Heute mit umlaufender Post hoff' ich die beiden Dukaten zu bekommen, wovon Du drei erhalten sollst. Ernstlich, lieber Bruder, mache nur, daß ich von Deinem herrlichen Bier recht bald, recht oft und recht lange bekomme." Seinen nicht unerheblichen Bierkonsum verteidigte er mit: "Was Trunkenheit ist - die nämlich den Geist lähmt, anstatt beflügelt - ... kenn' ich nicht." Ob Jean Paul nun ein Trinker war oder nicht - darüber sollen sich die Gelehrten streiten -, das Bier bestimmte sein Leben, sein Schreiben (jeden Morgen ging er in die Rollwenzelei, in dessen Dichterklause im Oberstübchen er liebevoll umsorgt von der Wirtin Dorothea Rollwenzel - der "besten Suppen- und Mehlspeisköchin im Staate Ansbach-Bayreuth", der "gescheitesten Frau von Bayreuth" - viele seiner Bayreuther Texte und seine letzten Werke, den Komet und Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele" schrieb) und seinen - Tod. Er starb 1825 an Leberzirrhose. jmw --> Aus "IGdA aktuell" 2/2007 <-- Auch nicht also beginn, wie dereinst der cyklische Dichter: "Priamos Trauergeschick und die rühmliche Fehde besing' ich." Was bringt Würdiges wohl so offenen Munds der Verheißer? Kreisend dreht sich der Berg und - hervorkommt winzig ein Mäuslein. Wie weit löblicher er, der nichts anhebet mit Unschick: "Sage mir, Muse, vom Manne, der einst, als Troja zerstört war, Vieler sterblichen Menschen Gebräuch' und Städte gesehen." Nicht uns Rauch aus Glanz, nein Glanz aus dem Rauche zu geben, Trachtet er; daß er darauf hellstrahlende Wunder enthülle: Scylla, samt den Cyklopen, Antiphates auch und Charybdis. Nicht Diomeds Heimfahrt beginnt er vom Tod Meleagers, Noch den trojanischen Krieg vom Zwillingseie der Leda. Immer zum Ausgang eilet er fort und hinein in die Sachen, Gleich als kennte sie jeder, zieht hin er den Hörenden; und was Durch die Behandlung sich stäubt hervorzuglänzen, verläßt er. Und so täuscht er mit Lug, so menget er Wahres und Falsches, Daß zum Ersten die Mitte, zur Mitt' einstimme das Ende. Horaz: 3. Brief: An L. Calpurnius Piso und seine Söhne (Von der Dichtkunst) --> Aus "IGdA aktuell" 4/2006 <-- Ihr, die ihr schreiben wollt, vor allen Dingen, wählt einen Stoff, dem ihr gewachsen seid und wäget wohl vorher, was eure Schultern vermögen oder nicht, eh' ihr die Last zu tragen übernehmt. Wer seinen Stoff so wählte, dem wird's an Gedanken und Klarheit nie, auch nie an Ordnung fehlen; und unter manchem Vorteil, der durch Ordnung gewonnen wird, ist sicher keiner von den kleinsten: daß man immer wisse, was zu sagen ist, doch vieles, was sich auch noch sagen ließe, jetzt zurückbehalte, und für den Platz, wo man's bedarf, verspare. Horaz: Dritter Brief. An L. Calpurnius Piso und seine Söhne --> Aus "IGdA aktuell" 3/2006 <-- Einige Schriftsteller schreiben in einem Rausch, andere jahrelang unbeirrt und konzentriert im stillen Kämmerlein. Joseph Conrad arbeitete manchmal zwanzig und mehr Stunden, ohne zu unterbrechen, und Simenon benötigte meist nur zehn Tage für einen Roman. Kerouac klebte, als er On the Road schrieb, die Seiten aneinander, damit er nicht in seinem Schreibrausch durch das Einspannen eines neuen Blattes Papier in die Schreibmaschine unterbrochen wurde. Zum Schluss war die Papierbahn sechsunddreißig Meter lang und sah aus, so berichtet er, "wie eine Straße" (nur leider fielen die letzten fünfundzwanzig Seiten der Druckfassung dem Hund eines Freundes zum Opfer). Der eine Autor kann nur unter Zeitdruck arbeiten, der andere fühlt sich blockiert, wenn der Abga-betermin droht. Dostojewski schrieb den Spieler in siebenundzwanzig Tagen, weil er Geld brauchte. Der Verleger Hetzel verpflichtete Jules Verne, zweimal im Jahr einen Roman zu liefern. Der Vertrag lief zwei-undvierzig Jahre lang … Patricia Highsmith sagt über ihre Arbeitsweise: "Wenn ich mich an die neue Tagesarbeit setze, lese ich selten alles wieder, was ich am Vortag geschrieben habe, sondern nur die letzten beiden Seiten. Wenn ich nicht bis zum Ende eines Kapitels gekommen bin, dann prüfe ich, wie lang das Kapitel ist, da mir die Länge sehr wichtig ist, auch wenn es über Kapitellängen keine Gesetze gibt ... Ich bin oft befragt worden über diese Kleinigkeit - ob ich die Arbeit des vergangenen Tages durchlese (oder sogar ganze Manuskripte, wie es, glaube ich, Hemingway getan hat) -, und darum erwähne ich das hier. Ich finde es notwendig, wenigstens eine Seite wiederzulesen, um die Gangart der Prosa und ihre Stimmung wieder-aufzunehmen." Und was sagt Hemingway selbst? "Wenn ich an einem Buch oder einer Erzählung arbeite, fange ich jeden Morgen so früh wie möglich, sobald es hell wird, mit Schreiben an. Niemand kann einen stören, es ist kühl oder sogar kalt, man kommt leicht ins Arbeiten und schreibt sich warm. Man liest, was man gestern geschrieben hat, und da man immer dann aufhört, wenn man weiß, wie es weitergehen soll, fährt man einfach an der Stelle fort. Man schreibt weiter, bis man an eine Stelle kommt, an der man immer noch Stoff hat und weiß, wie es weitergehen soll, und da hört man auf und versucht, so gut es geht, weiterzuleben bis zum nächsten Tag." Mitunter habe er "einen vollen Arbeitsmorgen für einen einzigen Absatz" benötigt. Und Christoph Peters erzählt: "Und dann sitze ich da, Tag für Tag von morgens neun bis nachmit-tags fünf und teste Sätze. Schreibe zehn Zeilen, prüfe, korrigiere, streiche vier wieder weg, versuche zwei neue, verwerfe die erste oder den ganzen Passus und fange von vorne an. Solange, bis ich überzeugt bin, daß das, was da steht, nicht mehr schlecht ist." jmw --> Aus "IGdA aktuell" 2/2006 <-- Wenn es zwei Möglichkeiten gibt, ist es besser, die falsche zu wählen. 1. Überfalle den Leser nicht schon zu Beginn mit dem zentralen Konflikt. Du hast Zeit. Den Anfang einer Geschichte bildet die Einleitung. Dann folgen noch Hauptteil und Schluss. 2. Bringe viele Adjektive pro Satz unter, nutze Synonyme. Verwende vorzugsweise nebulöse Begriffe. Vertraue auf die Phantasie des Lesers. 3. Nutze Fremdwörter. Zeige so dem Leser, wie klug du bist. 4. Wähle Partizipialkonstruktionen, diese sind umständlich und ermöglichen, vorläufig auf Handlung zu verzichten, wenn dir keine einfällt. 5. Schreibe Zahlen als Ziffern und Formeln in mathematischer Schreibweise. Ziffern fallen, ebenso wie Formelzeichen, in einem Text schon bei flüchtigem Lesen auf und erinnern den Leser wohltuend an den Mathematikunterricht. 6. Unterbreche das Schriftbild nicht durch Absätze. Lange Absätze ermöglichen lange, komplizierte und wohlstrukturierte Sätze, bringen den Blocksatz richtig zur Geltung und lenken den Leser nicht durch Denkpausen ab. 7. Bringe so viel Text wie möglich auf einer Seite unter. 64 Zeilen pro Seite und 80 Zeichen pro Zeile ergeben bei zweiseitigem Druck immerhin 5.120 Zeichen pro Blatt. Wähle notfalls geringere Zeilenab-stände und geringere Schriftgrößen. 8. Gestalte deinen Text abwechslungsreich, indem du ständig die Erzählperspektive änderst. 9. Es gibt genügend preiswerte Computerschriften. Zeige dem Leser, welche du hast. Ziehe schmale Schriftarten vor und verwende Hervorhebungen wie Fett, kursiv und unterstrichen möglichst oft und gleichzeitig. 10. Verzichte bei Manuskripten auf die Seitennummerierung, besonders bei umfangreichen Manuskrip-ten. Die Überraschung ist garantiert. Bernd Hutschenreuther --> Aus "IGdA aktuell" 1/2006 <-- Der Schriftsteller hat gefeilt und gestrichen und wieder eingesetzt und nun? Nun sollte er sein Manuskript so vielen Menschen, auch Nichtschreibenden(!), wie möglich zu lesen geben, schließlich - wenn er das nicht wagt, wie soll er sich trauen, es einem Verlag zu schicken? Meist steht der Autor seinem Werk betriebsblind gegenüber und erkennt nicht, wo er unklar geblieben ist, wo die Charaktere nicht leben, die Handlung unlogisch ist, wo Sätze zu umständlich und zu langatmig sind und - wo sich doch ein überflüssiges Adjektiv eingeschlichen hat. So mancher Schriftsteller musste dabei zähneknirschend erleben, wie der Gegenleser seinen Text erbarmungslos zusammenstrich (wie sagt doch Ludwig Thoma über Ganghofer: "Er sagt immer alles. Er hat es nie gelernt, dass man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Worten nur eines schreiben darf und nicht elf"). Bert Brecht zum Beispiel unterstrich in Ingeborg Bachmanns Gedichtband Die gestundete Zeit alles, was ihm gefiel, fliederrot. Die fünfzig Verse des Gedichtes Thema und Variation strich er auf diese Weise auf fünf zusammen. Nur die erste Strophe und den ersten Vers der achten ließ er gelten: In diesem Sommer blieb der Honig aus. Die Königinnen zogen Schwärme fort, der Erdbeerschlag war über Tag verdorrt, die Beerensammler kehrten früh nach Haus. Unten im Dorf standen die Eimer leer. (Das vollständige Gedicht finden Sie hier) - Sie hätte die Gedichte Brecht geben sollen, bevor sie sie veröffentlichte … - T. S. Eliot dagegen überarbeitete zwar das Wüste Land zunächst selbst und strich es per "Kaiserschnitt", wie sein Biograf Peter Ackroyd schreibt, auf neunzehn Seiten zusammen, aber dann gab er es Ezra Pound. Der sagte "Complimenti, du Hundesohn. Ich bin von allen sieben Eifersüchten geplagt" und kürzte es von achthundert auf vierhundertdreiunddreißig Verse. Der dankbare Eliot widmete es ihm mit den Worten: "For Ezra Pound, il miglior fabbro" - frei übersetzt: dem besseren Handwerker. Meister Goethe wiederum verdross, dass Christian Fürchtegott Gellert an seinen poetischen Versuchen, die er voll Leidenschaft geschrieben hatte, und sogar an seiner Handschrift herummäkelte und fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Randbemerkungen versah. Er beherzigte, was ihm einleuchtete, und warf die Arbeiten - die er für seine besten hielt - in den Herd. Unter der Fuchtel Gellerts drohten sogar seine poetischen Ambitionen zu verkümmern … jmw --> Aus "IGdA aktuell" 4/2005 <-- Schreiben bedeutet harte Arbeit. Die erste Fassung ist niemals die richtige, auch wenn Ihnen Ihr Werk gefällt und Sie meinen, es sei aus einem Guss, und Sie den "Genius zwischen den Zeilen" (Glaubitz) vermuten. Flaubert rät Louise Colet: "Vernachlässigen Sie nichts, arbeiten Sie, schreiben Sie neu und lassen Sie das Werk erst aus der Hand, wenn Sie die Überzeugung haben, daß Sie es zu dem Grad von Vollkommenheit gebracht haben, den ihm zu geben Ihnen möglich war (kursiv jmw)." Und für Erich Fried steckt "im schnellen Schreiben und erst nachher gewissenhaft Korrigieren eine Art Respekt und Vertrauen gegenüber seinem ursprünglichen Einfall … und das … (ist) sehr gut, weil dann die Einfälle nicht so leicht austrocknen wie bei einem Menschen, der seinen eigenen Einfällen gegenüber respektlos ist und ihnen ausbeuterisch gegenübersteht". Lassen Sie Ihren Text ein paar Wochen liegen und streichen Sie dann all die überflüssigen Wörter, Sätze und Absätze, die sich trotz aller Bemühungen eingeschlichen haben. "Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen - streiche es", rät Orwell. Ihre Worte sind nicht in Stein gemeißelt, lassen Sie jedes einzelne um seine Berechtigung kämpfen. Alle großen Schriftsteller feilen. Fontane ist manchmal vierzehn Tage einem einzigen Wort "hinterhergerannt". Er meint, dass drei Viertel seiner "ganzen literarischen Tätigkeit überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen" sei. "Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig." Thukydides feilte beim Schreiben seines Werkes über den peloponnesischen Krieg immer wieder am Stil. Er verlängerte ein Wort zu einem Satz oder zog einen Satz in ein Wort zusammen, ersetzte ein Substantiv durch ein Verb und umgekehrt. Capote schrieb vier Niederschriften: eine mit Bleistift, eine auf blaues, eine auf gelbes und die endgültige Version auf weißes Papier. Thurber strich neunzig Prozent seiner Wörter. Er soll seine Erzählungen fünfzehn Mal umgeschrieben und zweitausend Stunden für eine Arbeit verwendet haben, die zum Schluss höchstens zwanzigtausend Wörter umfasste. "Ich weiß nicht", soll er geseufzt haben, "meine ersten Entwürfe klingen immer, als hätte die Putzfrau sie geschrieben. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine Sache glatt herunterzuschreiben". Bei Dorothy Parker kommen auf fünf Wörter sieben, die sie streicht. Schlink streicht die Hälfte dessen, was er geschrieben hat, durch, schreibt etwas anderes darüber, korrigiert später noch einmal, und manchmal merkt er, wenn er den Text schließlich ins Diktiergerät spricht, dass die zweite durchgestrichene Fassung doch die richtige war. Sie alle kennen sicher den 23. Psalm - Der Herr ist mein Hirte. Aber Sie alle wissen nicht, wie viel Mühe es Luther bereitete, ihn zu übersetzen. Er feilte und strich und fügte hinzu, bis er die richtigen Worte fand. Zum Glück für uns Nachgeborene blieb das Manuskript erhalten (auch wenn Sie nicht die Schrift lesen können, erkennen Sie doch, wie sehr er gefeilt hat). --> Aus "IGdA aktuell" 3/2005 <-- Eigentlich gehört eigentlich auch (meist) zu den Füllwörtern. Haschtmann bezeichnet es ebenso wie könnte, sollte, müsste, eventuell, im Normalfall, als Selbstmordwort: Es relativiert eine Aussage und stellt den Autor selbst in Frage; er buddelt sich damit sein (rhetorisches) Grab. Sätze wie Sie sollten begreifen, dass Sie eigentlich besser schreiben könnten, wenn Sie solche Wörter vermeiden sind für unseren Beruf lebensgefährlich: Unser Leser wird in Zukunft um unsere Werke einen Bogen machen. Müssen (besonders beliebt bei Gedichten) ist ebenso wie trotzdem, aber (du hast ja recht, aber …) dennoch, auch ein Reizwort (Haschtmann), denn es kann zu Missverständnissen und Blockaden führen. Ihr Leser verbindet unbewusst solche Wörter mit Gefühlen aus der Kindheit, als er sich gegen Eltern, Lehrer und ältere Geschwister nicht durchsetzen konnte. Er reagiert mit Trotz und verschließt sich Ihren Worten. Dazu gehören auch die Reizformulierungen. - Sie müssen schon entschuldigen, dass wir sie unter Schriftstellers Handwerkskasten aufführen, aber Sie müssen doch zugeben, dass unsere Ausführungen nicht uninteressant sind. Wo wir was schreiben, müssen Sie schon uns überlassen. - Sie müssen … Sie sollen nicht … Jeder vernünftige Mensch weiß doch, dass er diese Wendungen vermeiden soll. Sie irren, wenn Sie meinen, dass das Sie solche Wörter nie verwenden. Seien Sie ehrlich, Sie haben sie schon tausendmal gebraucht. Unbestritten, unzweifelhaft, dürfen, dürfen nicht, das darf man nicht, das geht nicht … Und der kleine Junge steht wieder zitternd vor dem Riesen, der sein Vater ist, und das kleine Mädchen vor dem Lehrer und hört die anderen Kinder kichern. --> Aus "IGdA aktuell" 2/2005 <-- An alle Mac- und PC-User Kopieren Sie jedes Mal (!) die Datei, bevor Sie an ihr weiterarbeiten, und kennzeichnen Sie die neue Version mit einer Nummer (aus Version 1.3 wird zum Beispiel 1. 4) oder dem Datum. Aber: Werfen Sie die alten Dateien nicht in den Papierkorb, richten Sie einen Ordner Müll ein. Es könnte sein, dass Sie auf die eine oder andere Fassung zurückgreifen müssen, nicht nur, weil der Rechner abgestürzt ist und Sie nicht zwischengespeichert hatten (also immer wieder speichern, die Funktion Automatisch speichern gibt beim Wiederherstellen nicht immer die letzte Version wieder), sondern auch, weil Sie beim Überarbeiten zuviel gestrichen oder geändert hatten. Auf der Kopie können Sie nach Herzenslust die Funktionen Ausschneiden und Einfügen benutzen: Schneiden Sie am Text herum, streichen Sie Passagen oder fügen Sie sie anderswo wieder ein. Ihre wunderschöne Prosa geht dabei nicht verloren, denn Sie besitzen ja die Originalversion. Sollten Sie unsicher sein, fertigen Sie eine zweite Kopie an und so weiter (nur den Speicherplatz müssen Sie beachten). Drucken Sie den Text aber auch aus. Wenn er schwarz auf weiß vor Ihnen liegt, lesen Sie ihn anders als am Bildschirm. Umgekehrt finden Sie, wenn Sie mit dem Suchbefehl nach Füllwörtern oder Ihren Lieblingswörtern forschen, mehr sprachliche oder inhaltliche Schnitzer und Tippfehler sowie grammatische Fehler als beim Korrekturlesen des ausgedruckten Manuskripts. Und das Suchen nach dem treffenden Wort ist mit dem Thesaurus von MS-Word einfacher als mit einem Synonymlexikon. --> Aus "IGdA aktuell" 1/2005 <-- Kurt Tucholskys Ratschläge für einen schlechten Redner (Auszug): Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: "Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ..." Sprich mit langen, langen Sätzen - solchen, bei denen Du, der Du Dich zu Hause, wo Du ja die Ruhe, deren Du so sehr benötigst, Deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet ... nun, ich habe Dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt Du sprechen. Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: "Die Steuern sind zu hoch." Das ist zu einfach. Sag: "Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem ..." So heißt das! Und seine Ratschläge für einen guten Redner (Auszug) Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze. Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause. Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln. --> Aus "IGdA aktuell" 4/2004 <-- Anton Tschechows Maximen (aus einem Brief an seinen Bruder Aleksander von 1886): 1. Abwesenheit langer Wortergüsse politisch-sozialökonomischen Charakters. 2. Absolute Objektivität. 3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände. 4. Äußerste Kürze. 5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee. 6. Herzlichkeit. (Bitte abtippen und an den Bildschirm kleben, jmw) --> Aus "IGdA aktuell" 3/2004 <-- Üben üben üben Jeder Schriftsteller, den wir bewundern, hat klein angefangen. Wir werden, falls wir überhaupt dessen frühe Werke zu lesen bekommen, feststellen, dass auch er einst klischeehaft und holprig schrieb. Aber er wusste, wie er in den Dichterhimmel kommt: durch üben, üben, üben. "Arbeiten Sie jeden Tag, gleichgültig, was geschieht", sagt Hemingway. Üben Sie also auch, wenn Sie nebenbei einem Brotberuf nachgehen (müssen), planen Sie die Zeit dafür ein. Trollope schrieb jeden Tag genau sieben Seiten, und Simmel hört Punkt neunzehn Uhr auf mit dem Schreiben, selbst wenn es mitten im Wort ist. Wichtig ist, dass Sie sich an den Plan halten und keine Ausreden erfinden. Das Schreiben muss so selbstverständlich werden wie das Zähneputzen. Ob Sie nach zwei Wochen oder nach zwei Monaten zwei oder zwölf Seiten geschafft haben, ist unwichtig, wichtig ist der Stolz auf Ihre Disziplin und Ihr wachsendes Können. Verfassen Sie aber nicht unentwegt literarische Texte. Manche Schreiber produzieren jeden Tag mindestens ein Gedicht und sind darauf auch noch stolz. Sie vergessen, dass es nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität ankommt. Auch das Schreiben von Tagebüchern, Briefen oder E-Mails übt, ebenso das Übersetzen aus einer Fremdsprache. Eine weitere Übung ist das Schreiben von Kritiken. Geübte erkennen so die Feinheiten und Besonderheiten eines Textes, und Anfänger lernen, ihr Urteil über ein Werk auszudrücken, ohne Floskeln zu gebrauchen wie: Der Text hat mich betroffen gemacht - betroffen ist ein Modewort, das alles und nichts besagt; den Schluss des Romans fand ich brutal (hat jemand jemanden umgebracht?). Sie greifen nicht mehr zu Übertreibungen und Klischees, sondern sagen, was sie empfunden haben, mit einfachen, neuen Worten. Schreiben Sie Klappentexte. Auch sie verlocken zu Geschwafel und Wortgeklingel. Versuchen Sie, einen Roman anzupreisen und dabei alle Gemeinplätze wie rührend (gar anrührend), großartig, außergewöhnlich zu vermeiden. Brillant wirken solche Adjektive nur auf Menschen, die von Sprache nichts verstehen. Schreiben findet aber nicht nur am Schreibtisch statt: Sie üben auch, indem Sie über Ihren Text, über Formulierungen oder Ihre Figuren nachdenken, sei es vorm Einschlafenoder beim Ausfüllen von Formularen bei der (Brot-)Arbeit. Und Sie üben, indem Sie lesen, lesen, lesen, nicht nur E-Literatur, sondern gerade auch U-Literatur. Denn mit Ihrem wachsenden Können werden Sie über Füllwörter stolpern, die Sie vorher überlesen hätten, über Passagen, in denen geschwafelt und nicht erzählt wird, über Beschreibungen, deren Eintönigkeit Sie langweilt --> Aus "IGdA aktuell" 1/2004 <-- Schreibanlässe Vielleicht fragen Sie sich, wenn Ihnen kein besonderes Thema am Herzen liegt: "Ich will ja schreiben, aber bitte schön, worüber?" Ganz einfach: Die ganze Welt ist Ihr Material. Das Leben selbst schreibt die besten und verrücktesten Geschichten. Ihre Schreibanlässe finden Sie im Schrank versteckt zwischen Kleidungsstücken, die Sie ewig nicht getragen haben. Sie liegen im Schuhkarton mit alten Fotos oder in der Kladde mit den Kochrezepten, die Sie aufschrieben. Der auberginefarbene Samtrock erzählt von dem Abend, an dem Sie sich verloben wollten und sich heillos mit Ihrer großen Liebe zerstritten, das Foto von dem Arbeitskollegen, der seinen Vater bei einem Flugzeugabsturz verlor, das Rezept von dem fünfgängigen Menu, das Sie für Ihre Freunde kochten, kurz bevor sie nach Australien auswanderten und nie wieder etwas von sich hören ließen. Sie finden überall Geschichten, Sie müssen nur suchen. Und Sie finden sie in Kunstwerken. Gedichte sind gemalte Fensterscheiben, sagt Goethe, und Jean Paul erzählt von einem Schriftsteller, den man ebenso gut malen wie drucken könne: So wie der Maler eine Geschichte mit dem Pinsel erzählt, malt der Erzähler mit Worten. Er schreibt nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit den Augen: Er lauscht nicht nur der Musik seiner Worte, sondern setzt das, was er innerlich sieht, in Bilder um. In Die Wörter erinnert sich Sartre, weshalb er sich als Kind zum Schreiben hingezogen fühlte: Ihn drängte es, die Bilder in seinem Kopf nach außen zu bringen: Wenn meine Mutter mich fragte: "Poulou, was machst du?", kam es manchmal vor, daß ich mein Schweigegelöbnis brach, um ihr zu antworten: "Ich mache Kino." Tatsächlich versuchte ich, die Bilder aus meinem Kopf zu reißen und außerhalb meiner selbst zu verwirklichen. Kunstwerke wie Gemälde und Skulpturen rufen ebenso wie Worte im Betrachter Gefühle hervor. Er empfindet Trauer oder Freude, aber auch Langeweile oder Abscheu. Die Gefühle können auch durch Reaktionen auf Farbe (Aggressionen durch die vorherrschende Farbe Rot) oder die Form (ein friedvolles Gefühl beim Anblick einer sanft geschwungenen Figur) hervorgerufen werden. Ein Schreibanlass kann also sein: Versenken Sie sich so lange Sie möchten - eine Minute oder zehn Minuten - in ein Gemälde oder eine Skulptur. Haben Sie Geduld und seien Sie ganz entspannt. Versuchen Sie dann, Ihre Gefühle und Eindrücke in Worte zu kleiden, und schreiben Sie das, was Ihnen in den Sinn kommt, nieder. Lassen Sie auch die ungewöhnlichsten Einfälle zu. Sie werden merken, dass der Text inhaltsreicher ist als das nichtssagende "Das gefällt mir" oder "Das gefällt mir nicht". Seien Sie kein Kunstkritiker, analysieren Sie nicht den Stil oder die Technik, untersuchen Sie nicht die künstlerische Bedeutung des Werks. Und vor allem: Verfassen Sie keine Bildbeschreibung. Geben Sie Ihrem ästhetischen Empfinden Ausdruck. Assoziieren Sie. Oder stellen Sie sich vor, Sie seien eine der dargestellten Figuren. Gehen Sie ins Bild hinein und erzählen Sie … Und denken Sie daran, dass der Betrachter von Kunstwerken und der Leser oft etwas anderes in einem Werk sehen, als der Künstler oder der Schriftsteller beabsichtigt hatten. Schon Braque hat gesagt: "Du kannst an der Kunst alles erklären - außer das, worauf es wirklich ankommt." Sehen Sie also die Kunstwerke auf Ihre eigene Art. Schauen Sie hin. --> Aus "IGdA aktuell" 1/2004 <-- WIE MAN ZU SAGEN PFLEGT Umständliche Wendungen für einfache Wörter Sie brauchen keine modernen Stilratgeber zu lesen, schon Johann Wolfgang von Goethe, der gern Listen schrieb, veröffentlichte 1817 eine Liste von "Redensarten, welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überlässt": Aber Gewissermaßen Einigermaßen Beinahe Ungefähr Kaum Groß Fast Unmaßgeblich Wenigstens Ich glaube Mich deucht Ich leugne nicht Wahrscheinlich Vielleicht Nach meiner Einsicht Wenn man will Soviel mir bewußt Wie ich mich erinnere Wenn mich recht berichtet Mit Einschränkung besprochen Ich werde nicht irren Es schwebt mir so vor Eine Art von Mit Ausnahme Ohne Zweifel Ich möchte sagen Man könnte sagen Wie man zu sagen pflegt Warum soll ich nicht gestehen Wie ich es nennen will Nach jetziger Weise zu reden Wenn ich die Zeiten nicht verwechsle Irgend Irgendwo Damals Sonst Ich sage nicht viel Wie man mir sagt Man denke nicht Wie natürlich ist Wie man sich leicht vorstellen kann Man gebe mir zu Zugegeben Mit Erlaubnis zu sagen Erlauben Sie Man verzeihe mir Aufrichtig gesprochen Ohne Umschweife gesagt Geradezu Das Kinde bei seinem Namen genannt Verzeiht den derben Ausdruck (Aus: Das Buch der Listen. In Karl Richter (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Bd. 11.2. München: Hanser 1994) Aber auch der Meister hat Sätze geschrieben wie "Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle" … Gustave Flaubert sammelte Klischees und Worthülsen, allerdings, um sie in seinen Romanen zu verwenden. Die Sammlung "all dessen, was allgemein für richtig gilt" wurde als Wörterbuch der Gemeinplätze (Neuauflage Zürich: Haffmann 1998) veröffentlicht. Und was gehörte zu seinen Fundstücken? "Negerin. Heißblütiger als Weiße (vgl. Blondinen und Brünette)." "Blondinen. Heißblütiger als Brünette." "Brünette. Heißblütiger als Blondinen." "Deutsche. Volk von Träumern (veraltet)." "Engländer. Alle reich." "Engländerinnen. Sich darüber wundern, daß sie so hübsche Kinder haben. - Die alten Engländerinnen sind immer häßlich." "Die Donau ist der Rubikon des Türken." "Roßkastanie: Cousine des Pferdeapfels." "Darwin? stammt vom Affen ab." "Engel: Macht sich gut in der Liebe und in der Literatur." Ist von einem Jäger die Rede, rät er zu dem Zusatz: "ein großer … vor dem Herrn", und für Shakespeare bringt er den "Schwan vom Avon" ins Spiel. Er hielt nichts von einer Welt, in der Menschen allen Ernstes "vielen Dank für Speis und Trank" sagen. Und welche Wörter und Wendungen vermeiden Sie (und welche rutschen Ihnen gern aus der Feder)? Die Redaktion freut sich über Ihre Listen! --> Aus "IGdA Aktuell" 1/2004 <-- Lesen Sie Ihre Texte vor "Erlauschter Klang ist süß" sagt der englische Dichter Keats. Schreiben Sie nicht nur mit der Hand, sondern auch mit dem Ohr, und lesen Sie nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Mund: Rezitieren Sie Ihren fertigen Text, wenn möglich auf Kassette. Noch besser ist, wenn Sie Ihren Text mit ausdrucksloser Stimme vorlesen lassen. Sie kennen sicher von Lesungen die schlechten Texte, die der Rezensent so ausdrucksvoll vorträgt, dass sie die Zuhörer fesseln, und die guten, die so langweilig "heruntergeleiert" werden, dass die Zuhörer beinahe einschlafen. Bei einigen Literaturwettbewerben lesen Schauspieler die Texte vor, und erst dann entscheidet die Jury über die Preisvergabe. Dabei gewinnt nicht unbedingt der beste Text, sondern der, der am besten vorgetragen wurde. Beim Vorlesen oder Abhören der Kassette merken Sie, ob ein Satz gut oder schlecht gebaut ist, wo Ihr Text holpert, wo er zu lang ist, wo er grammatisch falsch ist - wo Sie selbst beim Zuhören ermüden. Und wenn Sie selbst ermüden, werden das erst recht Ihre Zuhörer. |