Ausgabe 2 / 2002 Beiträge



Hilde Peyr-Höwarth


ÜBER DIE LUST ZU SCHREIBEN

Jeder Mensch ist eine Welt für sich. Erst recht ist es jener, der das innere Bedürfnis hat, seine Gedanken aufzuzeichnen, das heißt zu schreiben. Dass "Schreiben" Lebenshilfe sein kann, wusste man lange, bevor Psychiater und Psychologen es zu einem Bestandteil ihrer Therapie machten.
   Es gab bisher wohl keine Epoche, in der so viele Menschen das Bedürfnis hatten, ihre Gedanken gedruckt zu sehen, wie in unserer Zeit. Das hängt natürlich auch mit dem höheren Bildungsstand der Menschen zusammen. Sicher aber ist es nicht nur das allein. Der Mensch von heute ist einsamer als der früherer Generationen. Die Geborgenheit in einem Familienverband, wie es die Großfamilie einmal war, gibt es kaum noch.
   Das Ergebnis dieser inneren Vereinsamung ist unter anderem auch eine Flut von jährlichen Neuerscheinungen und damit eine Überschwemmung des Buchmarktes, die nicht nur Verleger und Buchhändler, sondern auch den Leser überfordert.
   "Vieles, was auf dem Markt erscheint, wäre besser nicht gedruckt worden", bekommt man von Buchhändlern, aber auch von kritischen Lesern zu hören.
   Fairerweise muss man auch sagen, dass manches, das lesenswert wäre, nicht den Stellenwert und den Bekanntheitsgrad erreicht, der dem Werk gebühren würde. Wir alle wissen, Bestseller werden vielfach "gemacht", von Kritik und Medien "hochgejubelt". Daraus resultiert auch die Arroganz mancher Schriftsteller, die sich nicht scheuen, zu sagen: Ich schreibe nicht für das Publikum, ich schreibe für die Kritiker. Offensichtlich denkt niemand über eine so anmaßende Äußerung nach, weil ein solcher Autor ja bereits einen Namen hat und zu den so genannten Arrivierten gehört.
   Wenn wir mit unserem Wort an die Öffentlichkeit gehen, genügt es nicht, Eigentherapie zu betreiben. Es muss auch andere Gründe geben, als das Schreiben als Heilmittel für unser mehr oder weniger verwundetes Ego einzusetzen.

Wir alle haben irgendwann einmal angefangen. Gerade am Beginn eines solchen Weges sind wir bestrebt, unsere "Ergüsse" möglichst schnell gedruckt zu sehen, und nicht selten übersteigt der Ehrgeiz das Talent. Man bildet sich ein, jetzt ununterbrochen schreiben zu müssen, was aber nicht gelingen wird, weil es auch die unproduktiven Phasen gibt und oft auch die Angst, überhaupt keine Zeile mehr zustande zu bringen. In solchen Situationen sollten wir bedenken: Wer geben will, muss auch empfangen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.
   Eine davon ist, viel zu lesen. Unsere deutschsprachige Literatur hat eine große Tradition. Besonders für den Lyriker ist es wichtig, auch die Klassiker und die Romantiker zu kennen. Die Schönheit der Sprache kann genau so beeindrucken wie die Schönheit der Musik. Lassen Sie sich anregen und horchen Sie in sich hinein. Versuchen Sie Ihre eigenen Gedanken und Gefühle wiederzugeben und wählen Sie nach Möglichkeit von mehreren Wörtern, die Ihnen für eine starke Aussage zur Verfügung stehen, das einfache Wort. Die großen Dichter haben es nämlich so gemacht. Auch wer heute noch traditionsbewusst ist, schreibt nicht mehr so, wie man vor hundert und mehr Jahren geschrieben hat. Wir alle sind Kinder unserer Zeit, in der wir leben, und werden von ihr beeinflusst und geprägt. Oft hört man bei Vorträgen den Satz: So hat man in den revolutionären 68er Jahren geschrieben. Man fragt sich dann, ob man jede literarische Strömung mitmachen soll und unbedingt mit der Zeit gehen muss.
   Wer sich entschlossen hat, Schriftsteller zu werden, sollte versuchen, seinen eigenen Weg zu gehen. Man muss nicht alles können, und es spielt überhaupt keine Rolle, ob etwas gleich oder erst nach mühevoller Arbeit gelingt. Hauptsache ist, dass es gelingt.
   Gedichte müssen manchmal reifen - wie edler Wein. Es kommt schließlich nicht darauf an, wieviel jemand geschrieben hat, sondern was er geschrieben hat. Ich muss gestehen, dass der Papierkorb mein treuester Begleiter auf dem Weg zur Literatur war. Ich habe es nicht bereut.
   Schließlich sollten wir auch nicht vergessen, dass das, was wir schreiben, verständlich sein soll. Nicht jeder hat die Geduld, verschlüsselte Gedichte zu enträtseln. "Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass es keiner versteht." Kein Geringerer als Hermann Hesse soll diesen Satz gesagt haben und das ist glaubhaft, denn Hesses Gedichte sind von einer Klarheit, die nicht zuletzt durch ihre Einfachheit besticht.
   Natürlich erhöhen Metaphern den Reiz eines Gedichtes. Wenn wir sie verwenden, sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob sie auch für den Leser verständlich sind.
   Schreiben kann ein aufregendes Abenteuer, ein Glücksgefühl, aber auch eine Qual sein. Da ist ein Gedanke, von dem man nicht loskommt. Neue gesellen sich dazu, überstürzen sich.
   Stehen die Worte dann auf dem Papier, sind wir manchmal enttäuscht, denn es ist nicht genau das, was wir sagen wollten, was wir empfunden hatten.
   Der Weg von der Idee zum vorzeigbarem Werk ist oft beschwerlich. Wenn es uns gelingt, die Spreu vom Weizen zu trennen und wir uns überwinden, einen Satz zu streichen, in den wir besonders "verliebt" waren (was gerade bei der Prosa manchmal der Fall ist), könnte etwas Besseres entstehen. Mit dem ersten Entwurf ist man meist ohnehin nicht zufrieden Vielleicht gelingt es, etwas besser, treffender, kürzer zu formulieren?

Nun noch einige Worte zum leidigen Thema Kritik.
   Wir sollten nicht den Fehler begehen, uns sachlicher Kritik zu entziehen. Sie kann sehr konstruktiv sein, wir können daraus lernen, wobei einzuräumen ist, dass die Beurteilung von Gedichten oft subjektiv ist. Was man nachempfinden kann, vielleicht selbst erlebt hat, wird man auch mit Einfühlsamkeit beurteilen.
   Kritik tut weh. Nichts kann so sehr verletzen wie sie. Auf dem langen Weg, der aus uns Schriftstellern vielleicht einmal Dichter machen könnte, müssen wir auch lernen, der Kritik ihren richtigen Stellenwert zuzumessen. Es gibt Situationen, wo wir uns auch von Kritik nicht umstimmen lassen, weil wir uns unserer Sache sicher sind, auch wenn wir gegen den Strom schwimmen müssen.
   Natürlich ist es wichtig, selbstkritisch zu sein. Wir werden, falls wir einmal ein Erfolgserlebnis haben, nicht überheblich werden. Überheblichkeit scheint mir eine der größten Sünden nicht nur in der Literatur, sondern in der Kunst überhaupt zu sein.
   Wer einen guten, sensiblen Freund hat, sollte ihm aus den eigenen Manuskripten vorlesen und ihm sagen, dass Kritik erlaubt ist. Wir sollten weder ein öffentliches Lob noch eine öffentliche Kritik überbewerten.
   Die objektive Wahrheit liegt meist in der Mitte, falls es sie überhaupt gibt. Wenn wir selbst Kritik üben, sollten wir das ehrlich, aber behutsam tun, uns vor allem aber frei machen von Missgunst und Neid. Es ist nicht leicht objektiv zu sein. Jemand, der besser versteht, mit dem Wort umzugehen, kann uns nur Vorbild, niemals Rivale sein.
   Hat ein anderer mehr Erfolg, gibt es dafür mehrere Erklärungen:
   Entweder ist er fleißiger, hat bessere Beziehungen oder mehr Talent. Die ersten beiden Punkte lassen sich beeinflussen, nicht aber der letzte, der entscheidende Punkt. Uns allen sind natürliche Grenzen gesetzt. Einerseits durch den Intellekt, andererseits durch das Talent. Aber Talent kann man nicht erwerben, man bekommt es geschenkt.
   So betrachtet, ist jeder Mensch eine Welt für sich, und erst recht ist es der Dichter, der uns erlaubt, manchmal einen Blick in seine Welt zu werfen. Wenn es ihm gelungen ist, mit seinem Wort die Herzen zu erreichen, kann er sich und können wir uns glücklich schätzen, denn was wäre das Leben ohne die Schätze der Literatur, der Musik und all der anderen Künste?