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Ausgabe 4 / 2004 Beiträge Achim-Martin Wensien MIGRATIONSLITERATUR Entstehung der Migrationsliteratur Eine Standortbestimmung Literarische Versuche, die aus der Migrationserfahrung heraus Niederschrift gefunden haben, halten ästhetischen Maßstäben auf Dauer nicht stand. Was vorliegt, hat entweder in den akademischen Diskursen überlebt oder ist vom Kulturbetrieb in die Nischen für exotische Geistesnahrung verdrängt worden. Noch immer mangelt es an Betrachtungen, in denen Nützlichkeit und Leserfreundlichkeit migrationsliterarischer Versuche im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen. Eine Definition In migrationsliterarischen Versuchen kommt ein deutendes Subjekt zur interkulturellen Realität zu Wort, das man musisch und literarisch umschreibt, das als solches Geistesprodukt zum Objekt der Poetik und der Literaturgeschichte werden muss, um mit Verständnis und Empathie der Leser zu rechnen. Denn man lebt auch als Schaffender der Migrationsliteratur mit dem Leser in einer von derselben Sprache strukturierten Welt. Zur Entwicklungsgeschichte Max Frischs Worte sind in unseren Ohren: "Wir haben nach Arbeitskräften gerufen, es kamen Menschen." Am Anfang waren sie nur Arbeitskräfte, die in den Herkunftsländern, fast wie am Viehmarkt, nach Festigkeit der Muskeln, Sehnen, Glieder und Zähne ausgesucht wurden. Im Industriebetrieb ihrer Persönlichkeit beraubt, in Holzbaracken massenhaft untergebracht, suchten sie Halt in Liedern der Volksbarden, die wie sie, in dasselbe Schicksal verwickelt, den Kulturschock zu verarbeiten versuchten: Guten Morgen, Meistero / Auf Wiedersehn, Vormännero, / Heute ich bin sehr müde, / Morgen vielleicht nicht meyo // Heute für mich schöne Tag, / Morgen meine Geburtstag. / Sonntag, Montag, Samstag, / Ich warte dich ganze Nacht. // Ich arbeite bei Ford. / Wir schlafen in einem Heim. / Mein Leben ist mir vergällt / Im Joghurt ist ein Haar, // Na, bitte schön, Meistero, / Für wenig Geld arbeite ich nicht. / Ich kaputt, ich sehr kaputt, / Verstanden, du Gurke (Metin Öz) Menschen, die gekommen waren, heirateten, holten Familienangehörige nach, konsumierten und besiedelten Stadtviertel, in denen ihre Landsleute lebten. Sie kauften in ihren Geschäften, wo man gesellig ist, Neuigkeiten erfährt und ohne Deutschkenntnisse auskommt. Ihr Bedürfnis, gegen Unsicherheiten der großen, anonymen Gesellschaft die Sicherheit der Kolonie auszutauschen, machte sie noch unsicherer, schränkte Kommunikationsfähigkeiten ein und en miniature sind sie von alten Traditionen und festen Regeln eingeholt worden. In dieser Lebenssituation wurden sie von Autoren aus den Heimatländern entdeckt, die bei zeitweiser Anwesenheit in Deutschland Stoffsammlung betrieben. Aber solche Versuche sind nicht auf Migrationserfahrungen aus erster Hand zurückzuführen. Es sind die literarischen Versuche der Stellvertreter, um einige Beispiele zu nennen: Beiß die Zähne zusammen (Gülten Dayioglu); Die zarte Rose meiner Sehnsucht (Adalet Agaoglu); Logis im Land der Reichen (Füruzan). Parallel zu diesen Aktivitäten der Stellvertreter-Literaten kamen Autoren zu Wort, die selbst Migranten oder aus politischen Gründen zur Migration gezwungen worden waren. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen "Insidern" zu den "Stellvertretern" besteht in den persönlich verkrafteten Umbrüchen und den Diskriminierungserfahrungen in der Migration. Um einige Beispiele zu nennen: Europastraße 5 (Güney Dal); Die Friedenstorte (Fakir Baykurt); Zwischen zwei Welten (Yusuf Ziya Bahadinli); Soll ich hier alt werden (Aysel Özakin); Eine verspätete Abrechnung oder der Aufstieg der Gündogdus (Aras Ören); Die Unversöhnlichen - Im Labyrinth der Herkunft (Franco Biondi); Wir werden das Knoblauchkind schon schaukeln (Sinasi Dikmen). Erst in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kann man von einem Mündigwerden der Migrationsliteraten sprechen. Allmählich finden Migranten-Autoren Wege in die Professionalisierung, und die Zweite Generation der Migranten bringt aus ihrer Mitte Autoren hervor. Denn unter der Zweiten Generation werden existentielle Fragen über Identität und Entfremdung gestellt, zu denen die Erste Generation nicht fähig war, weil sie sich dem Ziel verpflichtet sah, für eine bessere Zukunft Geld zu verdienen. Diesen Binnenwandel beziehungsweise die Schritte in das Mündigwerden bringt Aras Ören im folgenden Poem zum Ausdruck: Woher konnte er wissen / der wie ein Licht in die Leere schien /der von der Mitte einer Brücke herabsah / und die Enden der Brücke berührten keine Ufer / daß ihm, um mitzuteilen, was ihn quälte / eine neue Stimme und Sprache fehlte (Die Fremde ist auch ein Haus, 1980) Institutionalisierung und Professionalisierung Gewiss lässt sich ein Qualitätssprung in der Migrationsliteratur nicht zwangsläufig von einer Generationenfolge abhängig machen, weil Kreativität und Virtuosität im Sprachgebrauch mit occasionellen und peripheren Ereignissen des Lebens einhergehen können. Beispiele dafür sind Biografien von Aras Ören, Emine Sevgi Özdamar, Rafik Schami und Yüksel Pazarkaya. Sie haben die Migrationsliteratur nicht als Angehörige der Folgegeneration der Gastarbeiter beeinflusst. Als Vertreter der Zweiten Generation sind unter anderem zu nennen: Dilek Zaptcioglu, Zafer Senocak, Feridun Zaimoglu, Kemal Kurt, José F. A. Oliver, Franco Biondi, Levent Aktoprak. Sie haben in ihren Werken teilweise aus der unmittelbaren Erfahrung mit Migrationshintergrund als auch aus der Sicht des kritischen Zeitzeugen Geschichten vom Rand der Gesellschaft erzählt oder in Versen eine andere Wahrnehmung des Alltags sowie der diskriminierenden Zustände niedergeschrieben. Die unterschiedliche Wahrnehmung gesellschaftlicher Realität und Zeitfragen und unterschiedliche Grade der Verwicklung in die Randphänomene der Gesellschaft sind Gründe, die zum Streit innerhalb des migrationsliterarischen Blocks Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts führten. Auch hierbei sind mehr politische Quereleien als eine binnenliterarische Debatte um Paradigmen, Stile und leserfreundliche Ästhetik auszumachen. Diese Entwicklung ist ebenso wie am Beispiel der Verlagsgründungen und -abspaltungen an den Inhalten der literarischen Foren darstellbar. Aus dem CON-Verlag gingen Südwind, Neuer Malik Verlag und Heliopolis hervor, neben dem Dagyeli-Verlag für türkische Literatur wurden der Ararat und X-Press Verlag gegründet, die alle bis auf wenige Ausnahmen innerhalb von zehn Jahren eingingen. Bei einem Forum zur "Gastarbeiterliteratur" (1986) kam es zur Grundsatzkritik - um anspruchsvolle, anerkannte Literatur für deutsche Leser -, dabei gingen Franco Biondi, Carmine Gino Chiellino, Rafik Schami, Aras Ören andere, persönliche Wege. Die scharfe Kritik an "Betroffenheits-Literatur der Migranten" formulierte Carmine Gino Chiellino: "Die Betroffenheit ist eine Art hundertprozentige Solidarität mit sich selbst und mit der eigenen Minderheit, und sie wirkt sich einengend auf unsere Produktivität aus. Einengend, weil Betroffenheit sich in der Reaktion auf irgendetwas erschöpft, und zwar in der Gegenwart; Beweis dafür sind das Fehlen von Romançiers und die Überproduktion an Lyrik unter uns" (Forum 1, 1986). Auch wenn sie berechtigt ist, kann man dieser Position nur bedingt zustimmen, da es keinen Codex, keine Regeln gibt, wie ein Literat seine Gefühle und Erlebnisse verpacken soll, um sie literaturtauglich zu machen. Literatur erschafft man aus der Spannung mit sich selbst, und das geschieht gleichzeitig im Spannungsverhältnis mit der Umwelt, mit dem Zeitgeist, mit der Kultur. Zukunft der Migrationsliteratur Rafik Schami, Exilautor und Abtrünniger vom Südwind (1987) geht einen persönlichen und ungewöhnlichen Weg, indem er sich nicht als Schablone der Migrationsliteratur versteht, sondern auf der Suche nach einer Synthese zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne befindet (Damals dort und heute hier, 1998). In der Tat kann man von der Zukunft einer Migrationsliteratur nur dann sprechen, wenn sie sich gänzlich in einer "Literatur der Ankunft" auflöst. Die Verlagsstreitigkeiten, die Foren und akademische Debatten über Migrationsliteratur, die nicht ohne die beteiligten Akteure mit Migrationshintergrund stattfanden, haben deutlich gemacht, dass bikulturelle, zweisprachige Protagonisten selbst eine Entscheidung treffen müssen, die ihnen kein anderer abnehmen wird. Und diese Entscheidung kann für die deutsche Sprache oder die Herkunftssprache des Autors fallen. Aber sie hat dann Konsequenzen, die weder politischer, noch kultureller Natur sind. Es geht um eine Literatur, die Leser findet, Leser deshalb anspricht, weil sie spannend, verführend und entlastend ist. Man muss hervorheben: entlastend, denn kein deutscher Leser wird daran interessiert sein, sich, sein eigenes Leben, seine Taten, auf der literarischen Anklagebank zu entdecken und sich anhören zu müssen, man habe die Misere in der Migration verursacht. Ohne den Aspekt der Selbstverantwortung, weil ein Mensch erst ein Mensch ist und dann Migrant oder Exilant, zu reflektieren, wird es keiner literarischen Heldenfigur mit Migrationshintergrund gelingen, am gemeinsamen Leid und an gemeinsamer Freude mit deutschen Lesern teilzuhaben. Für viele Autoren mit Migrationshintergrund sollte ein Anlass zur Freude sein, dass jüngere Generationen den Schritt in die Professionalität endgültig vollzogen haben, wenn man an Jacob Arjouni oder Akif Pirincci denkt. Sie sind über die Grenzen der Migrationsliteratur hinausgegangen und versuchten sich in gänzlich anderen Genres. Arjouni wurde bekannt durch seine Kriminalstories, und Pirincci erschuf' die Katzenfigur Feliade. Die Ankunft in der Gegenwart, in der Welt der deutschen Leserschaft, scheint ihnen gelungen zu sein. Deutsche Bücher von Türken, Syrern, Griechen oder Italienern: mit ihnen wurde ein neues Kapitel in der Literaturgeschichte eingeleitet in einer Welt, die im Zusammenrücken begriffen ist. Sie stehen heute mit Salman Rushdie, Michael Ondaatje, Kazuo Ishiguro, Derek Walcott, Arundhati Roi, Hanif Kureishi in Augenhöhe. Ihre Erzählkraft belegt, dass sie laut dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said "in einer Generation vierhundert Jahre durchlebt haben, die durch die Welt gekreuzt sind und traumatische Geschichten durchgemacht haben" (ZEIT, Nr. 8, 1999). Zur Migrationsliteratur erschienen: Irmgard Ackermann: "Gastarbeiter"literatur als Herausforderung. In Frankfurter Hefte, 1983. Ursula Krechel: Leben in Anführungszeichen. Das Authentische in der gegenwärtigen Literatur. In Literaturmagazin 11, 1979. Erika Werner: Die Bundesrepublik in der Gastarbeiter-Literatur, BuB 1984. Foren : Migrantenliteratur, Seminar im IZ in Duisburg, 1984. Debatte zur Gastarbeiter-Literatur. Forum 1,1986. Literatur: Ästhetik und Kommunikation: Zwischen den Kulturen, 44, 1981. Carmine Gino Chiellino: Die Reise hält an - Ausländische Künstler in der Bundesrepublik. Beck 1983. Rafik Schami: Damals dort und heute hier. Herder 1998. |