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Ausgabe 2 / 2006 Beiträge Horst Dinter ÜBERS GRAUEN Das greinende Grauen hat mich fest in den Klauen, verfolgt mich bei Nacht und bei Tage so dass ich schon gar nicht mehr wage ganz unbefangen zu schauen - vor lauter Grauen … Ich musste hier mein schönes Gedicht abbrechen (- vor lauter Grauen!). Was ist geschehen? Lassen wir dazu einmal wieder die Statistik sprechen: Ich habe lektoriert (- ein scheußliches Wort, das es eigentlich gar nicht gibt; aber hier passt es hin!). Aus neun von neunzehn Beitragen für einen Sammelband kroch mir das Grauen ent-gegen. Fast so wie im Fernsehen/in der Tele-wischn an jedem Abend. Grauen in jeder Form. Wenn Literatur (auch) ein Spiegel unseres Lebens ist, ist dann unser Leben fast fünfzig Prozent - Grauen? Natürlich, unsere Medien verdienen mit dem Grauen ihr Geld. Prinzessin Diana, die"Königin der Herzen", hat sich in den Medien immer gut verkauft; eine ansehnliche Dame! Am besten aber lief das Geschäft, als sie in einem Trümmerhaufen gar nicht mehr zu erkennen war. Seitenlang drucken illustrierte Zeitungen die gräulichen Bilder eines Kriegsfotografen; aber sie lassen es sich den doppelten Aufwand kosten, wenn er bei einer letzten Reportage selbst um-kommt; - in Großformat von einem Reporterkol-legen aufgenommen. Zehn lobenswerte, bewunderungswürdige Er-eignisse können es in den Medien nicht mit dem Absturz eines Kleinflugzeugs aufnehmen; - obwohl es sich dabei - nachweislich - um die haarsträubende Dummheit des Piloten handelte. Aber bitte: der Journalismus verdient mit dem Grauen sein Geld. Wir freilich sind keine Journa-listen. Wir müssen unser Geld nicht so makaber verdienen. Wir können unser Leben so darstellen wie es ist. Und es besteht ganz sicher nicht zu fünfzig Prozent aus Grauen! (- und lektorieren könnte vielleicht etwas mehr Spaß machen!) "MEINE WORTE SIND VÖGEL MIT WURZELN" Zum Tod der Lyrikerin Hilde Domin am 23. 2. 2006 "Ein blauer Tag" war es nicht, als sie ihr Lebens-kerzchen auslöschte. Ob sich der blaue Tag wie-derholte, weiß ich nicht, denn sie wiederholte gern, vor allem ihre Texte, damit wir nur ja alles verstehen und es in unseren Köpfen hängen blieb. Wie blaue Tage eben auch. Denn "Auch an blauen Tagen wird nichts zurückgenommen" und somit ist das Auslöschen ihrer Lebenskerze endgültig. Immer sind ihre Texte end-gültig, klar und deutbar. Klar und deutlich ist die Bewunderung durch ihr Publikum. Ich sah sie mehrmals. Klein, gebeugt, strubbelig grau das Haar. Aber die Kraft, die sie ausstrahlte, war enorm. Da war nicht "Nur eine Rose als Stütze"! Und als sie stürzte, suchte sie - vielleicht - einen anderen Halt, sonst würde sie immer noch "Hand in Hand mit der Sprache/bis zuletzt" gehen. Am besten, man kauft sich ein Gedichtbändchen von ihr. Und dann noch eines, weil man nie genug bekommt. Und dann noch eines ... Lesen Sie selbst, vor allem ihren Lebenslauf: geboren 1909 (erst mit neunzig Jahren entschloss sie sich, wirklich Neunzig zu sein) in Köln, Studium Jura, Philosophie und politische Wissen-schaften, Promotion 1936 über Staatsgeschichte und Renaissance. 1932 wanderte sie mit ihrem späteren Mann Erwin Walter Palm nach Rom aus. 1939 flohen sie nach England; die Domi-nikanische Republik wurde das dritte Asylland. Der Schmerz um den Tod ihrer Mutter brachte sie 1951 zum literarischen Schreiben. Als Erinnerung und Dank an die Stadt wählte sie den Dichternamen Domin. Menschen wie wir, wir unter ihnen, fuhren auf Schiffen hin und her und konnten nirgends landen. (aus: Graue Zeiten, 1967) Waltraud Weiß Heike Reiter und Ursula Schmid-Spreer EINDRÜCKE VON DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2006 Warum ist es so wichtig, dass wir lesen lernen? Damit wir uns beschäftigen können, wenn der Fernseher mal kaputt geht. Geduld und Gelassenheit sind angesagt Die Wahrscheinlichkeit, dass man zu Fuß in einen Stau gerät, ist eher gering. Wenn aber Menschen und Bücher aufeinander treffen, steigt diese Wahrscheinlichkeit sprunghaft. 126.000 Besucher, das sind siebzehn Prozent mehr als letztes Jahr, schoben sich durch die Hallen. Da kann es passieren, dass man vom Messeeingang bis zum Verlagsstand der Wahl schon einmal eine Dreiviertelstunde unterwegs ist und dabei die meiste Zeit in einem schier unendlichen Menschenwurm steckt. Geduld ist also angesagt und eine gute Portion Gelassenheit. Beides ist auch dann empfehlenswert, wenn sich Hunger, Durst oder dringendere Bedürfnisse einstellen. "Die Erwartungen wurden übertroffen", sagte Wolfgang Marzin, Vorsitzender Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH. Auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels zeigte sich sehr zufrieden, denn nicht nur der Umsatz bei den Kinderbüchern ist um fünfzehn Prozent gestiegen. Verlagsbesuche Unser Ziel war dieses Jahr, kleinere Verlage aufzusuchen. Wirklich alle ließen sich auf Gespräche ein und erzählten über Gründung, Werdegang und Philosophie ihrer Verlage. Manche gaben unumwunden zu, dass sie Autoren an den Druckkosten beteiligen, manche lehnten das vehement ab. Und dann gab es noch Verlage, die sich in einer Grauzone bewegen. Belletristik, die sich gut verkaufen lässt, finanziert der Verlag; Lyrikbändchen oder individuelle Sachbücher wie "Das Schlafverhalten der dreibeinigen Wüsten-rennsemmel" müssen größtenteils vom Autor finanziert werden. Alle kleinen Verlage versicherten glaub-haft, sich intensiv um den Vertrieb zu kümmern und Lesungen zu organisieren. (…). Im Forum Leipzig liest ist der Geräuschpegel hoch, die Luft stickig. Durch die Gänge links und rechts des Forums schlängelte sich der Menschenwurm. Das Forum aber war wie eine kleine Welt in sich. Wie eine Insel im Trubel lag es da. Ein bisschen Dekoration, ein Lesepult mit Mikrofonen, ein paar Trennwände - das ist eine Oase inmitten der Hektik. Hier setzte man sich gern hin, vergaß die schmerzenden Füße und den überbeanspruchten Rücken. Man ließ sich von den Lesenden entführen und hörte zu. Die Zuhörer kamen so zahlreich, dass die Sitzgelegenheiten knapp wurden. Manche saßen auf dem Boden, andere blieben stehen. Ein schönes Gefühl, in diesem Rahmen vor so vielen interessierten Zuhörern lesen zu können! Kurzeindrücke Halle 3: das Comic Paradies. Es hatte sich schnell herum gesprochen, dass für verkleidete Besucher der Eintritt kostenlos war. So sah man nicht nur im Comic-Salon kostümierte Menschen. Kleine Darth Vaders, Roboter und Draculas machten aus der Buchmesse ein farbenprächtiges Spektakel. Ferne Länder: Verlage aus Island, den Niederlanden, Russland, Polen und vielen anderen Ländern boten ihre Bücher in den jeweiligen Landessprachen an. Auch Lesungen gab es - ebenfalls in Landessprache. Die Stiftung Buchkunst Frankfurt hatte dies möglich gemacht. Rings um eine Leseinsel konnte man die Verlagsprogramme junger unabhängiger Verlage bestaunen. (…) Messeschluss 18:00 Uhr: Kurz vor Messeschluss wurde es ruhiger. Der Menschenwurm wurde dünner. Die Hallen schienen zu wachsen. Über der Glashalle ging die Sonne unter und tauchte alles in einen zarten, fast kitschig wirkenden rosafarbenen Schein. An den Ständen wurde aufgeräumt. Nur wenige Besucher schlenderten noch durch die Gänge. Über Lautsprecher wurde das Ende des Messetages verkündet. Nun brachen auch die Aussteller auf. Durch die nahezu leeren Gänge ging es hinunter zum Ausgang. Wie entvölkert lag alles da. Ein Traum, das Messegelände fast für sich allein zu haben! Ein Traum in der Tat, denn am Ausgang, bei den Garderoben und an der Straßenbahnhaltestelle war er dann plötzlich wieder da, der riesige, nicht enden wollende Menschenwurm ... (aus: Tempest 8-5 2006) Auch der IGdA-Stand war gut besucht. Zwar interessierten sich nicht sonderlich viele Besucher für die ausgestellten Bücher, dafür war das Interesse an unserem Verein ziemlich groß. Die ausgelegten Flyer und Aufnahmeanträge waren am Ende der Messe fast vergriffen, ebenso die Zeitschriften. Die Lesungen der IGdA-Autoren Eckhard Erxleben und Wilhelm Riedel bei Leipzig liest waren ebenfalls Erfolge. Eckhard danke ich für seine Mithilfe am Stand. Nun können wir nur abwarten, wie Rücklauf und Resonanz sind. Rainer Hengsbach-Parcham Was ist eigentlich WEISE? Nun, weise ist es nicht und sprachlich unge-schickt, an allerlei Begriffe noch -weise anzuhängen: interessanterweise, freundlicher-weise, möglicherweise, verständlicherweise ... fa-talerweise. Wie verständlich (- oder verständlicher?) sind Wörter, die durch - weise "veredelt" werden? - oder hat weise etwa gar nichts mit "weise" zu tun, mit dem oder der Weisen? Natürlich nicht! Vielmehr leitet es sich von je-ner "Beschaffenheit" her, die bei der Verbindung "Art und Weise" sogar doppelt-moppelt; - und weist (noch einmal) auf die Besonderheit des Wortes hin, dem es angehängt ist. Vielleicht ver-stärkend, verdeutlichend? Eigentlich aber überflüssig (- oder überflüssi-gerweise?) und jedenfalls sprachlich unschön. HD |