Ausgabe 1 / 2007 Beiträge


ZUM 30-JÄHRIGEN DER "IGDA-AKTUELL"



Darüber will ich berichten. Das ist nicht einfach; aber ich denke, wenn ich diese Literaturzeitschrift seit fünfzehn Jahren beziehe, spricht das für sie. Es gibt in Deutschland und im deutschsprachigen Raum viele Literaturzeitschriften - einige beziehe ich auch -, und alle haben ihren eigenen Stil, ihre Farbtupfer beziehungsweise Botschaft, vielleicht auch Mission. Unsere "Mission" ist die Literatur allgemein, ganz besonders aber PUR: Ich will damit sagen, alles, was mit Literatur zu tun hat, macht uns "an", animiert uns, beglückt, beschwipst, befreit, hilft, bestärkt, verbindet - verbündet! Darin ist die aktuell groß. Das ist der Grund, warum ich diese Zeitschrift so liebe, gern in ihr blättere, neugierig jede neue Ausgabe verschlinge, konsumiere.
   Beglückend ist, wie viele Menschen ich mittlerweile kenne, die erfreulicherweise Beispiele für ihre Arbeit, ihre Hingabe, ihr Weiterkommen sichtbar machen. Wäre das anders, dann wäre es traurig. Und das verbindet uns miteinander. Das zeigt, was eine "Gemeinschaft" ist, nämlich eine große Familie mit Menschen, die sich bemühen, diese Gemeinschaft ohne Rivalität zusammenzuhalten. Ja, klar, es gibt auch Zicken unter uns; und es gibt auch die so empfindlichen und zartbesaiteten männlichen Spezies, die sich immer so unverstanden fühlen. Auch die sind Teil unserer Gemeinschaft, eben einer Künstlergilde. Dass Gilde, Gemeinschaft, Gruppe, Zunft, weiblich besetzt ist, finde ich gut. Das nur so nebenbei.
   Dreißig Jahre? Als ich vor fünfzehn Jahren von der damaligen Vorsitzenden Grete Wassertheurer in Weinstadt, wo sie ein Treffen von Verlegern organisiert hatte, geworben wurde, kamen viele von uns vom Kurt Rüdigers Karlsruher Boten. Dort hatte ich schon Traute Bühler-Kistenberger, Gabriele von Hippel-Schäfer, vor allem Brigitta Weiss, aber auch Gaby Hühn-Keller usw. usw. gekannt. Der Karlsruher Bote lebte vom Wort; Brot hatte er wenig, Fleisch selten, aber genügend Menschen, die sich für Literatur interessierten, die schrieben und nicht wussten, wohin damit.
   Große Verlage - ein Traum, ein Lottogewinn. Anerkennung zu erhalten - eine Nadel im Heuhaufen. Weitermachen - ja, das ist das Ziel und gleichzeitig eine ständige Befruchtung. Das Leben wird mit jedem Text neu geweckt. Und wenn ein Text veröffentlicht wird, ist das Glück grenzenlos. Wird es dann noch bemerkt, hervorgehoben, zitiert oder notiert, dann könnte man singen, tanzen, lachen und Bäume umarmen oder singend Fenster putzen oder Halleluja rufen. Es ist wie nach dem ersten Rendezvous; da dichtet man sogar im Traum. Viele von uns tun das ja auch heute noch. Mir ist der Schlaf zu wichtig, wissend auch, dass das, was gut ist, nicht verloren geht und die gefühlten Worte dauerhafte Wirkung haben. All das bietet die Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren, die in diesem Jahr noch ein weiteres Jubiläum feiert, nämlich das vierzigjährige Bestehen. Leinen los! Wir jubilieren …
   Tja, das ist meine Chronik für die aktuell. Wissen Sie, was "aktuell" bedeutet: zeitgemäß, gegenwärtig. Ich finde, dem wird unsere Zeitschrift gerecht. Oder haben Sie Vorschläge für eine Namensänderung? Dann melden Sie sich. Einige Vorschläge haben wir schon bekommen, wir brauchen aber mehr.
   Sie haben das Wort - literarisch, gemeinschaftlich, wählend, berufen und selbstbewusst. Die Sprache ist das beste Instrument für alle Sinne und eine Mundharmonika der erotischen Töne.

Waltraud Weiß


Anmerkung: Nicht nur die aktuell ist ein Aushängeschild unserer Gemeinschaft, sondern auch unsere Website. Sie wurde als "eine der BESTEN Web-Seiten aus dem Bereich Kunst & Kultur in die Qualitätssuchmaschine erfolgreichsuchen.de" des m.w.Verlags, Herausgeber des Internet-Bestsellers Das Web-Adressbuch für Deutschland, aufgenommen.
jmw




Jutta Miller-Waldner

DER RITT IN DEN SONNENUNTERGANG




Wir sind zerschmettert und nicht nur zum Scheine!
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los such dir selbst den Schluß!
Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!

Bert Brecht

Und wieder schloß der glückliche Anton
die Geliebte in seine Arme.

Gustav Freytag


"Darum fand ich alle Filme schön, die so zu Ende gehen, mit einem Kuß, einem langen, unendlichen Kuß, während der Vorhang fällt, ganz leis und langsam …" (Silvio Toddis Schlusssatz in Einmal Venedig und zurück)

"Jedes Pärchen glaubt das Märchen: Liebe hat ewig Bestand", heißt es in dem Lied aus dem Film Der Kongress tanzt, und in vielen, ach zu vielen Geschichten haucht sie zum Schluss "Ja!", ist endlich im "Besitz der wunderbaren Leidenschaft …, die bisher wie ein großer Vogel mit rosigem Gefieder im Glanze poetischer Himmelsweisen über ihr geschwebt hat" (Madame Bovary) und hört die Hochzeitsglocken klingen (oder sollte ich besser schreiben dröhnen?). Und viele, ach zu viele Leserinnen glauben an den "Ritter mit weißer Feder auf schwarzem Ross", der sie auf sein Pferd, an sein Herz und in sein Schloss nimmt, und an die unsterbliche Liebe. Aber Lilian Harvey singt weiter: "Doch einmal heißt es: Reich mir zum Abschied die Hand. Dann ist der Himmel nicht mehr blau, dann weißt du's ganz genau: Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein …"
   Auch die arme Bovary muss erfahren (und wir mit unseren vernarbten Herzen wissen), dass die kitschigen Bilder trivialer Romane nicht das wahre Leben spiegeln, dass das Happyend verlogen ist und nichts als ein Klischee. Schließlich schießt der gute Amor mit Pfeilen und nicht mit Rosen auf seine Opfer. Nur O-Bein-Romane (sie sind zusammen, gehen auseinander und kommen wieder zusammen), bei denen mit den immer gleichen einfallslosen Worten, den immer gleichen breitgetretenen Metaphern immer dasselbe Thema (er reich, sie arm) einfallslos geschildert wird, enden immer mit einem Happyend, weil das die Leserinnen erwarten.
   Aber nicht nur romantische Leserinnen erwarten ein Happyend. John Irving lässt in der Mittelgewichtsehe seinen Protagonisten erzählen: "Ich sah nie ein fertig gelesenes Buch in seinem Haus. Er sagte mir einmal, die Schlüsse aller Bücher stimmten ihn überwältigend traurig."
   Andere Leser wieder lesen nicht Seite für Seite, wie sich das gehört, sondern überfliegen vorher die letzten Seiten, weil sie wissen wollen, ob das Schicksal des Helden, mit dem sie gebangt, mit dem sie gelacht und geweint haben, gut ausgeht. Wenn das nicht der Fall ist, lesen sie nicht weiter.
   Schlüsse stimmen aber nicht nur traurig, weil das Schicksal des Helden schlecht ausgeht, sondern vor allem auch, weil der Leser mit dem Ende des letzten Satzes das Gefühl hat, einen guten Freund zu verlieren. Er sollte sich mit den Anfangszeilen aus Brigitta Weiss' Gedicht An einen ICE-Mann im Wagen 12 trösten:

Wir beide lesend, angekommen ich
gerade auf dem allerletzten Blatt.
Ob es nicht etwas Trauriges stets hat,
wenn Bücher enden? Fragtest du dann mich.
Ich sagte, nein, mein Leben reiche nicht,
um alle guten Bücher noch zu lesen.


Wir belächeln den armen Leser, der keine Geschichten lesen mag, in denen auf der letzten Seite Menschen, die sich einst liebten, gestorben am gebrochenen Herzen oder erschossen von einem eifersüchtigen Liebhaber im Grabe liegen oder sich miteinander langweilen und auseinandergehen. Doch sind es wirklich nur Tante Frieda oder Onkel Franz in uns, die hoffen, dass das Buch glücklich endet? Aristoteles schreibt in der Poetik, dass in der Komödie die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden und "niemand tötet oder wird getötet". Was ist das anderes als ein Happy-end?
   Jeder Mensch erlebt Krisen, überwindet sie und wird wieder glücklich (oder zumindest einigermaßen zufrieden). Wieso sollen Schriftsteller nicht darüber schreiben? Ist es Kitsch, wenn der Held gefallen ist und wieder aufgestanden? Gilt ein Buch nur dann als gute Literatur, wenn der Held scheitert und es mit einer Katastrophe endet? Hatten Goethe, Shakespeare oder Boccaccio, die (auch) zu einem guten Ende kamen, keine Ahnung vom Leben?
   Doch, sie hatten. Sie wussten aber, wann das Happyend angebracht ist: nämlich dann, wenn ein Konflikt damit beendet wird oder eine Krise besonders gefährlich war, wenn das gute Ende psychologisch begründet werden kann. Das Happyend muss schlüssig und objektiv möglich sein, es darf keine Flucht in eine Idylle bedeuten.
   Sie dürfen ein Happyend, zumindest ein kleines, auch anbieten, wenn Sie bei einem schweren Thema trotz aller Hoffnungslosigkeit im Großen einen Lichtschimmer im Kleinen, im Persönlichen, zeigen - wenn Sie Ihren Leser mit dem Text versöhnen möchten, damit er nicht in einem Tränenmeer versinkt oder nach vielen Stunden Lektüre den Kopf hängen lässt und sich fragt, weshalb er sich das angetan hat, wo er doch Sinnvolleres hätte tun können wie den Rasen mähen oder sich den Sturm der Liebe im Fernsehen zu Gemüte ziehen.
   Doch auch dieses kleine Happyend müssen Sie begründen. Sie dürfen nicht, wie so manche Autoren, wenn sie mit ihrem Text festhängen, einen Deus ex Machina* aus dem Hut zaubern, der plötzlich alles zum Guten wendet und alle Rätsel für den Leser löst, wie zum Beispiel mit einer unerwarteten und unbegründeten Liebeserklärung, sechs Richtigen plus Zusatzzahl im Lotto oder Erbtante Paula; einen Deus, der einen Saulus durch ein unerwartetes Ereignis in einen Paulus verwandelt. Umgekehrt dürfen ein Unfall, ein Orkan oder ein Erdbeben nicht plötzlich die Situation ins Negative verwandeln.

Martin Walser erzählt, dass ihn zwei Leser der FAZ gebeten hätten, den Lebenslauf der Liebe nicht "unglücklich enden zu lassen. Der eine schrieb: 'Ich ahne schon, das kann nicht gut ausgehen, aber ich bitte Sie, heiliger Martin, lassen Sie das nicht zu.'" Er habe dann auch ein Happyend geschrieben, aber nicht, weil die FAZ-Leser das gefordert hätten, sondern es habe sich "so aber ergeben, Gott sei Dank. Denn ich hätte es nicht willkürlicher schreiben können. Ich versuche jedoch immer das glücklichste Ende herauszuarbeiten, das für eine Romanmasse möglich ist, ohne dass ich fälsche. Ich bin ja selbst so verlangt, dass ich an einem guten Ausgang interessiert bin."
   Die viktorianischen Schriftsteller waren sogar gezwungen, sich ein Happyend auszudenken, weil Verleger und Leser das verlangten, und hatten deshalb manchmal Probleme, den richtigen Schluss zu finden. - Das ganze letzte Kapitel galt damals übrigens als wind-up (Ausklang). Henry James beschreibt es als die "Verteilung von Preisen, Renten, Männern, Frauen, Babys, Millionen, hinzugefügten Abschnitten und vergnügten Bemerkungen zum Schluß". -
   Dickens zum Beispiel ließ sich im letzten Moment von Edward Bulwer-Lytton überreden, Große Erwartungen glücklich enden zu lassen. (leider kenne ich nicht den ursprünglichen Schluss, und ich habe ihn trotz gründlicher Recherche auch nicht gefunden. Schade, denn der neue Schluss ist nicht gerade beeindruckend):

    "Und wie vor langer Zeit, als ich zum erstenmal die Schmiede verließ, der Morgennebel aufgestiegen war, so erhob sich jetzt der Abendnebel, und in all der Weite ruhigen Lichts, die er mir auftat, sah ich keinen Schatten einer erneuten Trennung von ihr."


Sie können auch die Heldin zum Schluss zwar "Ja" hauchen, das Läuten der Hochzeitsglocken aber nur anklingen lassen. Der Vorhang muss nicht endgültig fallen. Cecil S. Forester wählt solch ein Ende für African Queen. (Im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Autoren ist hier nicht die Heldin im Besitz der wunderbaren Leidenschaft, sondern der Held, Charlie Allnutt, sagt: "In Ordnung, Rosie, wir tun's." Spielen Sie also auch mit den Möglichkeiten: Verwandeln Sie Ihre Heldin in einen Helden und umgekehrt - warum nicht zwei Frauen oder zwei Männer? -, entgehen Sie so dem Klischee.):

    "So verließen sie also den See und begannen eine weite Reise in Richtung Matadi und Heirat. Ob sie fortan immer glücklich und in Frieden zusammenlebten oder nicht, ist schwer zu sagen."


Eines müssen Sie jedoch bedenken: Ein klischeefreies, unsentimentales Happyend ist viel schwieriger zu schreiben als ein schlechter Ausgang. Alle Liebesgeschichten balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und Kunst.

*Der Gott aus der Maschine, mit dem eine überraschende Lösung bezeichnet wird. Im antiken Schauspiel griff in völlig verfahrenen Situationen der durch eine kranähnliche Maschine auf die Bühne herabgelassene Gott ein. Er rettete oder verdammte die Menschen ganz nach Belieben und löste so die dramatischen Verwicklungen. Ein berühmtes Beispiel findet sich in Iphigenie in Tauris von Euripides: Pallas Athene erscheint plötzlich über dem Tempel, um Iphigenie und Orest zu retten; sie fällt ein Urteil, dem sich alle Beteiligten unterwerfen. Solch eine Lösung ist aber meist unglaubwürdig und macht einen Text trivial.





Horst Dinter

SPRACHBILDER UND METAPHERN




Wir denken, reden und schreiben in Bildern. In unseren täglich benutzten Sätzen fällt uns das gar nicht mehr auf, etwa, wenn wir uns entschließen oder dazu aufraffen, ein Gedicht zu schreiben (- oder diesen Aufsatz). Wir haben einen technischen und einen Begriff verwendet, der ursprünglich "zusammentragen" bedeutete (- was sowohl für ein Gedicht als auch für einen Aufsatz gar nicht falsch wäre - wenn er sich in unserem Satz nicht auf uns selbst bezöge!).
   Und weil wir gerade beim Dichten sind und uns über Metaphern unterhalten wollen, passt ein Satz hierher, der allen Glanz und alles Elend der "Wortkunst" geradezu vorbildlich spiegelt (- nicht "widerspiegelt", denn das wäre ein Pleonasmus, weil ein Spiegel ohnehin ein Widerbild gibt!): "Der Mangel an Verständnis, den man unserer Kunst entgegenbringt, muss unser Herz mit Trauer erfüllen."
   Natürlich ist Herz mit Trauer erfüllen ein metaphorisches Sprachbild, das das Traurigsein übersteigern soll, im Satzzusammenhang aber ist es schlichter Un-Sinn, denn ein Mangel kann nie etwas erfüllen. Trotzdem können wir aus diesem verunglückten Satz etwas Wichtiges lernen: metaphorische Wendungen/Metaphern benutzen wir gern und oft erfolgreich, wenn wir Sachverhalte beschreiben, für die wir keine Bilder zur Verfügung haben, die aus unserer sinnlichen Wahrnehmung entstanden sind: Trauer, Treue (-> Nibelungentreue), Liebe, Entsagung usw.
   Sie haben aufgemerkt: Unter Nibelungentreue kann sich nur jemand etwas vorstellen, der weiß, auf welches besondere Vorkommnis sich dieser Begriff bezieht. Die Nibelungenkönige hätten in aussichtsloser Lage wenigstens ihr Leben retten können, wenn sie ihren treuen Gefolgsmann, den Siegfried-Mörder Hagen, an die rachedurstige Kriemhild ausgeliefert hätten; aber sie haben es vorgezogen, mit ihm zusammen zu sterben = Treue bis in den Tod.
   Also: Wenn eine Metapher als "Bild-Zwischenträger" einen Begriff deutlicher machen soll, muss sie allgemeinverständlich sein.
   Dass man das Deutlich-Machen steigern kann, sollen folgende Beispiele zeigen:


  • sich irren sagt wenig aus, weil wir es sogar uns selbst mehrmals am Tage eingestehen müssen;

  • auf dem Irrweg sein deutet eine Richtung und einen länger dauernden Vorgang an;

  • der Holzweg ist heute eine Metapher, denn früher gab es solche Wege, die über Holzbohlen in beziehungsweise durch schwieriges Gelände und dabei oft auch "in die Irre", ins Un-Wegsame führten;

  • der SPD-Politiker Herbert Wehner hat einmal die Wendung "sich den Holzweg pflastern" gebraucht, also eine Metapher in einem Satz, die einen Sachverhalt überdeutlich darstellt, nicht plump vereinfacht, dafür aber andeutet, dass ein Irrtum - bequem sein kann.



Wir behaupten, dass die Natur verschwenderisch sei. Von einem Menschen, den wir für besonders verschwenderisch halten, sagen wir, dass "er sein Geld zum Fenster hinauswirft". Und worin besteht der wesentliche Unterschied zur Wendung "Er wirft mit seinem Geld um sich"? Welches der beiden Bilder ist zwingender? Nun - bei Geld, das zum Fenster hinausgeworfen wird, kann man nicht einmal mehr sehen, wer es schließlich aufhebt oder wo es hinfällt.
   Wenn man einen Sachverhalt oder Gegenstand oder seine Funktion beschreiben soll, die nicht eindeutig definiert sind oder deren Definition nicht von allen verstanden wird, kommt man ohne eine Metapher meist nicht aus: "Der Intellekt als bloßes Werkzeug des Willens ist von ihm so verschieden wie der Schmied vom Hammer."
   Schopenhauer nimmt hier Intellekt für einen unbekannten, zu klärenden Begriff, lässt sich aber auf eine umständliche Begriffsbestimmung nicht ein, sondern beschreibt die für ihn wichtigere Funktion, nämlich: intelligent zu sein, Intellekt verfügbar zu haben, ist ohne den Willen, intelligent zu handeln, dem Hammer ähnlich, den der Schmied benutzen muss. Er beschreibt den "Gegenstand" durch seine Funktion und diese durch drei allgemein bekannte Begriffe: Werkzeug, Hammer, Schmied.

Versuchen wir nun eine noch genauere Bestimmung der Metapher, die sich ja vom Bild unterscheiden soll, diesmal an "lyrischen" Wendungen.
   Von einer schönen Frau sagt man, "ihr Goldhaar leuchtet", oder sie hat "Haare, leuchtend wie Gold", oder spricht vom "... leuchtenden Gold ihrer Haare". Dabei finden wir eine Beschreibung, einen Vergleich und eine Metapher (das "leuchtende Gold").
   Und wo steht hier die Metapher: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie" oder "die graue Theorie" oder "Theorie ist grau wie …"?
   Und wie steht es bei der "grauen Stadt am Meer" beziehungsweise bei der "goldenen Stadt"?
   Wenn Storm richtig davon ausgeht, dass es auch noch Städte gibt, die nicht grau sind, ist seine Wendung eine Beschreibung. Die "goldene Stadt" ist natürlich eine Metapher, denn damit ist immer Prag gemeint.
   Noch einmal zu grau. Goethe setzt den Satz oben mit "... und grün des Lebens goldner Baum" fort und schafft damit eine beispielhaft entgleiste Metapher, eine Katachrese, einen herrlichen Vers und einen vorbildlichen Un-Sinn (wobei man bei Goethe nie genau weiß, ob er mit solch einer Bemerkung aus dem Munde des Mephisto nicht sogar seine Leser auf den Arm nehmen wollte. Der Satz kommt schon im Urfaust vor (1790) und hätte bis zur Endfassung (V 2038) dem kritischen Dichter längst aufgefallen sein müssen!).
   Und nun vergleichen Sie bitte: Erdrutschsieg - Erdrutschniederlage.

Bahnbrechend sind manche Erkenntnisse unserer Wissenschaftler. Sprachgeschichtlich ist die Bahn eine Wunde, eine Schneise; später ein vorgegebener Weg (- auf dem zum Beispiel eine Eisenbahn fahren kann). Aber ist die Eisenbahn nun eine Bahn aus Eisen oder transportiert sie Eisen (Frachtschiff) oder fährt sie auf Eisen?
   Nur eine Übereinkunft beantwortet eine dieser Fragen richtig.
   Die Indianer Nordamerikas, durch deren Land man Eisenbahnen baute, konnten mit einem ähnlichen Begriff (rail-way) nichts anfangen und nannten deshalb das Auffälligste an der Eisenbahn, die Lokomotive, Dampfross. Die Europäer haben, wenn sie witzig sein wollten, dieses reizvolle Bild gelegentlich übernommen; man kann es gelten lassen. Dann aber kamen die Flieger, und weil sie für die Indianer ebenso unerklärbar funktionierten wie die Dampfbahn, nannten sie sie steam-chicken = Dampfhuhn - und nun stimmt natürlich nichts mehr.
   So ist das bei den Indianern! - nur bei den Indianern? Was ist dann eigentlich eine Holzeisenbahn?
   Ganz ernst war auch die kämpferische Aussage eines Gruppenvertreters gemeint: "Wir lassen uns das soziale Netz nicht durchlöchern!" Und warum hat kaum ein Zuhörer herzlich gelacht? Weil das soziale Netz als Metapher, als Sprachfloskel, längst völlig gedankenlos gebraucht, das "Bild" also gar nicht mehr als Bild gesehen wird - und damit natürlich auch nicht in einer Zerrbild-Wendung. Hier handelt es sich eindeutig um eine Abnutzungserscheinung. Die Grenzen bei der Verwendung von Metaphern werden deutlich überschritten, denn die Abnutzung hat das Bild nicht nur stumpf (gedankenlose Verwendung), sondern für Verfälschungen anfällig gemacht.

Noch ein paar stumpfe Bilder:
   Vor dreitausend Jahren hat Homer die Rosenfinger der Eos beschrieben, ein Bild, das wir nicht verbessern können, aber - verwässern, wenn wir es bei jeder unpassenden Gelegenheit verwenden. Auf schnaubende Rache und auf silberhelles Lachen sind schon allzu viele gekommen, und das antiemanzipatorische Haupt der Familie ist ebenso eine verbrauchte, oftmals geradezu peinliche Metapher. Das schöne blaue Band des Frühlings ist seit Mörike vergeben und sollte es bleiben.

In der Prosa sind abgenutzte Metaphern zuletzt massenhaft zum Beispiel bei Hedwig Courths-Mahler und Eugenie Marlitt nachzulesen - und das ist heute Kitsch.
   Die Grenze zwischen vielen Metaphern und dem Kitsch ist nur schwer zu ziehen, aber leicht zu überschreiten!
   Und das geschieht in der Lyrik häufiger als in der Prosa, weil die Lyrik für ihre knappen Aussagen das wortmächtige Bild nötiger braucht als die Prosa, die sich auch auf eine längere Beschreibung zurückziehen kann.
   Kitsch entsteht leicht dort, wo etwas Gefühliges unangemessen betont wird, also


  • (gegenständliches) der Baum zur Silberbuche wird, um des Sprachklangs wegen einen besonderen Reizeffekt bekommt;

  • (ungegenständliches) Liebe zur Heimatliebe verkommt (der frühere Bundespräsident Heinemann hat bündig erklärt: "Ich liebe meine Frau!"); denn Heimat ist etwas sehr Wertvolles, Heimatglocken sind schauderhafter Kitsch.



Man kann sogar beim Übertreiben - übertreiben. Das folgende Gedicht (Allegorisch Sonnet) von Christian Hofmann von Hofmannswaldau ist in der schlesischen Dichterschule des 16. und 17. Jahrhunderts entstanden, in der man neue Formen suchte und dabei gelegentlich entgleiste.

Amanda liebstes kind, du brustlatz kalter hertzen.
Der liebe feuerzeug, goldschachtel edler zier,
Der seuffzer blasebalg, des traurens lösch-papier,
Sandbüchse meiner pein, und baumöhl meiner
schmertzen,

Du speise meiner lust, du flamme meiner kertzen,
Nachtstühlchen meiner Ruh, der Poesie clystier,
Des mundes alecant, der augen lustrevier,
Der complementen sitz, du meisterin zu schertzen,

Der tugend Quodlibet, calender meiner zeit,
Du andachtsfackelchen, du quell der fröligkeit,
Du tieffer abgrund du voll tausend guter morgen,

Der zungen honigseim, des hertzens marcipan,
Und wie man sonsten dich mein kind beschreiben kann,
Lichtputze meiner noth, und flederwisch der sorgen.


Dagegen noch einmal Goethe:

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.


Wir drucken hier nur die erste Strophe ab, denn die zweite und dritte kennen Sie längst. Aber: in allen drei Strophen werden Sie nur eine einzige echte Metapher finden - und eine zweite ist das Gedicht selbst. So sparsam gehen große Meister mit Metaphern um!

Wir fassen zusammen und folgern:


  • Metaphern sollen Bilder klären, überhöhen oder überhaupt entstehen lassen (wo verbindliche/verständliche Begriffe noch fehlen);

  • es gilt, ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen sorgfältig zu achten.

  • Sie sind gefährdet durch Abnutzung, Verfälschung und Verkitschung.

  • Gegebenenfalls müssen sie durch eine Übereinkunft allgemeingültig gemacht werden.



Besonders wichtig aber ist:


  • Ihre besten Wirkungen zeigen Sprachbilder/ Metaphern, wenn sie sorgfältig bedacht und sparsam verwendet werden!



(Wenn Sie das alles (zu) ironisch-locker finden, bedenken Sie bitte: auch Krokodilstränen können ein Labsal der Seele sein!)





Markus Neuert


EIN HOCH DER TEILZEITLYRIK
Eine ziemlich prosaische Betrachtung




Immer wieder begegnen mir als Autor Menschen, die allen Ernstes fragen, ob ich von meinen Gedichten, dem Verkauf von Büchern und von Lesungen leben kann. Sie fragen vermutlich, weil sie schon vorher (und zu Recht) daran zweifeln. Allein vom Verfassen von Lyrik ist in den letzten Jahrzehnten wohl niemand satt geworden - zumindest nicht in unserer Gesellschaft. Andere Völker und Erdteile mögen mit ihren Barden ja vielleicht gnädiger umgehen; ich jedenfalls mochte Asterix, Obelix und ihre Rauf- und Trink-gesellen immer am wenigsten, wenn sie den armen Troubadix zu Beginn ihrer Gelage geknebelt an einen Baum banden. Viel hat sich offenbar nicht geändert seit diesen alten Zeiten. Es muss daher festgestellt werden, dass es generell zweckmäßiger erscheint, das lyrische Ich nur noch in Teilzeit zu bemühen.
   Frei nach Wilhelm Busch: Also lautet ein Beschluss, dass man von was leben muss. Aber wovon als Lyriker? Es scheint heute ein weitverbreiteter Irrglaube zu sein, ein Dichter müsse, wenn schon nicht von der Dichtung lebend, im Brotberuf wenigstens eine dem Literaturbetrieb nahe stehende Tätigkeit ausüben, sei es als Lehrer, Journalist, Bibliothekar oder Buchhändler, besser natürlich noch als Verleger, Herausgeber, Kritiker oder Lektor, andernfalls tut sich die Kulturgesellschaft im Allgemeinen schwer damit, ihn ernst zu nehmen. Tatsächlich scheint aber eher das Gegenteil der Fall zu sein, denn die der materiellen Grundsicherung dienende Erwerbstätigkeit korrumpiert den Ausübenden durch ihre zahllosen Verstrickungen, ihre wirtschaftlichen und psychischen Abhängigkeiten ausnahmslos zum Kompromiss: der Deutschlehrer hat sich statt mit der geistigen Urbarmachung seiner Schülerschaft oft nur mit deren dringend notwendigen Disziplinierung abzuplagen; der Journalist sieht sich gezwungen, über Themen zu schreiben, die für ihn von völligem Desinteresse sind, dazu noch womöglich in einem dem jeweiligen Medium angepassten Stil, den er vielleicht als hohl und verabscheuungswürdig entlarvt hat; und die vier letztgenannten Berufsgruppen dürfen allen literarischen Vorlieben zum Trotz niemals den entscheidenden Blick auf die Veräußerlichkeit der von ihnen selektierten und oft auch dahingehend beeinflussten schriftstellerischen Hervorbringungen verlieren. Alle zwingen sozusagen die Sprache in Lack und Leder, um ihr dann nach Feierabend zur Abwechslung einmal liebend und demütig zu begegnen. Wie stellt sich da die Lyrik ihren Betreibern - muss der Alltag nicht zwangsläufig entmutigend und kommerzbelastet abfärben?
   Ein weiterer Punkt: in früheren Zeiten stand für ein Unternehmen die reine Nutzung der Arbeitskraft im Vordergrund, heute ist fast überall zusätzlicher Erwartungsstandard an den Arbeitenden ein mentales Engagement, das über die landläufigen Vorstellungen einer Corporate Identity weit hinausgeht. Es ist oft eben nicht damit getan, seine Erwerbstätigkeit als reinen Job zu betrachten. Kann ein Gesinnungssklave in seiner freien Zeit ein aufrichtiger Lyriker sein? Das soll nicht leichtfertig allgemeingültig beantwortet werden; er wird es aber meines Erachtens eher können, wenn er einerseits sein Brot nicht mit dem Wort verdient und andererseits schizoid genug ist, um für ein paar Stunden am Abend Hirn und Herz komplett umschalten zu können. Der Freund eines namhaften, aber mittellosen Lyrikers erzählte mir, dass dieser das lukrative Angebot eines bayerischen Automobilkonzernes ausgechlagen habe, in dessen Werbeabteilung zu arbeiten. Ich kann mir lebhaft vorstellen, warum. Er hatte wohl die berechtigte Angst, irgendwann die beiden Welten nicht mehr voneinander trennen zu können.
   Also vielleicht doch lieber eine Erwerbstätigkeit, die gar nichts mit dem Schreiben, vielleicht nicht einmal mit erhöhtem geistigen Einsatz zu tun hat? Wer sagt, dass nicht einem Landschaftsgärtner, einem Buchhalter oder Feinmechaniker ebenso gültige Verse gelingen können, die andere anzurühren imstande sind (und darum geht es ja wohl letztlich) wie einem Germanistikprofessor? Mir sind jedenfalls gute Lyriker aus den unterschiedlichsten Brotberufen bekannt. Oder auch die reinen Jobhopper: heute Klopse braten bei Burger King, morgen Kisten stemmen im Getränkehandel, Hauptsache, das Hirn bleibt frei für eigene Gedanken. Im Ernst, das gibt es, und gar nicht mal so selten, wie man meinen möchte.
   Der einzige Nachteil bei der reinen Teilzeitdichtung: alles geht langsamer. Der schreibimmanente Reifeprozess entwickelt sich in gemächlicherem Tempo, das Umschalten zwischen den Welten kostet Energie und Zeit, auch die literarischen Endprodukte mögen rarer sein: doch all das wird dadurch aufgewogen, dass man nicht zum nackten Überleben darauf angewiesen ist.
   Wohl aber zum eigenen geistigen Überleben; nur dass es hier dann keines wie auch immer gearteten faulen Kompromisses bedarf - und das ist immerhin tröstlich.





NACHRUF AUF EINE LITERATURZEITSCHRIFT




Die aktuell feiert mit diesem Heft stolz ihr Dreißigjähriges (weshalb es dieses Mal etwas anders aufgemacht ist als Sie gewöhnt sind, aber keine Sorge, die Rubriken wie Duden, Sprachrätsel, Mitglieder berichten usw. erscheinen natürlich weiter), andere bekannte Literaturzeitschriften verabschieden sich, darunter eine Zeitschrift, in der viele angehende Dichterinnen und Dichter ihre ersten Schritte in die Öffentlichkeit wagten: die liebenswerte, charmante, von der Aufmachung her leicht chaotische Zeitschrift Das Boot: Blätter für Lyrik der Gegenwart, die älteste regelmäßig erscheinende (viermal im Jahr) Literaturzeitschrift Deutschlands. In jeder Ausgabe standen jede Menge Gedichte der verschiedenen Lyrikformen in kleiner Schrift auf den Seiten, oft geschmückt mit kleinen Zeichnungen.
   Aber nicht nur "junge" DichterInnen veröffentlichten dort. Neben weniger guten Gedichten (jeder Abonnent hatte zwei Mal im Jahr Anspruch auf den Abdruck seiner Gedichte) fand man auch in der Literaturszene bekannte Namen wie Brigitta Weiss oder Johanna Anderka. Und man freute sich, persönlich bekannte Autorinnen und Autoren dort zu lesen.
   Darüber, dass jeder Abonnent gedruckt wurde, wurde viel gelästert, und der Abdruck in der Zeitschrift galt nicht unbedingt als Referenz. Und doch hat mir persönlich die Zeitschrift viel gebracht. Wo sonst wäre ein anderer Autor auf meine Gedichte aufmerksam geworden, so dass er sie in seine Sprache - ins Kosovo-Albanische - übersetzte, sie in kosovoalbanischen Literaturzeitschriften zum Teil zweisprachig veröffentlichte und in Die Macht der Dichter/Pushteti i poetëve aufnahm? Unvergesslich bleibt für mich auch die Autorennacht für Robert Grabski, bei der ich in Bochum aus dem Zug stieg, in Herne las, in Wanne-Eickel übernachtete und in Dortmund in den Zug stieg. Und nicht zu vergessen die Bücherschauen, die Grete Wassertheurer für das Boot, verbunden mit Literaturwettbewerben, veranstaltete. Unvergessen vor allem aber das Lyrikwochenende 1988 in Weinstadt, ohne das ich heute nicht diese Zeilen für diese Zeitschrift schreiben würde.
   Robert Grabski hatte das Boot 1955 gegründet. Nachdem die Zeitschrift 1961 eingestellt worden war, setzte er 1969 die Herausgabe fort; ab Heft Nr. 100 im Jahr 1988 übernahm sie Grete Wassertheurer.
   Mag sein, dass in einem Zeitalter von Desktop-Publishing und Digitaldruck solch eine Zeitschrift nicht mehr modern ist, trotzdem wird sie uns trotz oder gerade wegen der Aufmachung fehlen.
   Das Boot liegt an Land, der Maskenball tanzt nicht mehr, der Wandler wandelt auf Sparflamme. Hoffen wir, dass sich irgendwann Sponsoren und vielleicht sogar der Staat (das Land, die Gemeinden - wer immer auch sich dafür zuständig fühlt) daran erinnern, dass es gerade die kleinen Literaturzeitschriften sind, die unbekannten Talenten eine Chance bieten, an die Öffentlichkeit zu gehen und vielleicht sogar erfolgreich zu werden. Sie leben vom Engagement ihrer Herausgeber, aber die Druckkosten steigen, und Abonnenten gibt es immer weniger. Die aktuell hat es da gut, sie wird von den Mitgliedern der IGdA finanziert. Wünschen wir uns, dass es auch in dreißig Jahren noch Mitglieder geben wird, die die Herausgabe unserer Zeitschrift ermöglichen.

Jutta Miller-Waldner