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Ausgabe 3 / 2007 Beiträge Andrea Hermann WIE DIE ASCHENPUHLERIN ZUM VERLAG FAND Im November 2007 erscheint mein Roman Die Aschenpuhlerin beim Cenarius Verlag. Diese Märchenparodie und ich, wir teilen schon ein ganzes Stück Weges miteinander. Hätte ich keinen Verlag dafür gefunden, wären wir bei der Hälfte stecken geblieben. Die Idee an sich muss noch aus meiner Schulzeit stammen. Verschiedene Anfangskapitel, Inhaltszusammenfassungen und Einzelszenen zeugen davon. Wirklich geschrieben habe ich die Geschichte in ihrer jetzigen Form von 2000 bis 2002 und auch schnell überarbeitet, um sie im September liebevoll gebunden beim Wolfgang Hohlbein Preis einzureichen. In meinem Schreibtagebuch finde ich am Dienstag, 3. Juli 2001, folgende Notiz zur Aschenpuhlerin: "So stark habe ich es noch nie gespürt: Die Heldin meines Aschenputtel Romans stapft in Sommerschuhen durch kniehohen Neuschnee. Da sehe ich auf, blinzle ins Sonnenlicht und stelle fest, dass ich im Büro sitze, die Mittagspause geht zu Ende. Draußen und drinnen herrschen ganz sicher 30 Grad. Aber ich zittere und habe blaue Hände!" Leider waren andere weniger gefesselt als ich. Den WolfgangHohlbein Preis gewann ich nicht. Was vermutlich keine Schande ist, bei über 600 Einreichungen. 2002 bis 2005 schickte ich die Aschenpuhlerin gemeinsam mit einem zweiten Märchenroman auf die Runde zu verschiedenen Verlagen. Natürlich begann ich bei den ganz Großen, denn schließlich sollte es ein Bestseller werden. Dabei stellte ich übrigens zu meinem Schrecken fest, dass es gar nicht so sehr viele Verlage gibt. Hinter einem Dutzend verschiedener Namen verbirgt sich am Ende doch immer wieder derselbe Marktbeherrscher. So hatte ich sie dann also alle durch. Absagen der bekanntesten Verlage stapeln sich bei mir zu Hause, in verschiedenen Nuancen der Abweisung. Irgendwann stieß mich dann der Vortrag einer Lektorin mit der Nase auf mein Problem. Es heißt: "Genre". Das Genre ',Märchenroman für Erwachsene" existiert höchstens in kleinen Spezialverlagen. Daraufhin beglückte ich auch verschiedene Spezialisten mit meinen Exposés. Hier fielen die Absagen dann schon viel freundlicher aus, von Märchenfreund zu Märchenfreund sozusagen. Leider gibt es innerhalb des Genres "Märchenroman für Erwachsene" noch weitere Untergliederungen wie ',Volksmärchen", ',Kunstmärchen", ',psychologischer Märchenroman" und viele mehr. Bei meinem Roman handelt es sich eher um eine humorige Märchenparodie mit etwas feministischem Tiefsinn. Ein Probeleser behauptete auch, es sei ein Frauenroman. Das mit den Genres ist gar nicht einfach! Schließlich schwor ich dem Märchenroman für Erwachsene ab und suchte mir ein neues Genre. Inzwischen schreibe ich Fantasy und Science Fiction. Da wissen Leser und Lektorin gleich, was sie bekommen. Aschenpuhlerin und Einhorn Roman lagen jetzt im Schrank bei den Absagen. Insgesamt war ich froh, dass ich mir Jack Londons Tipps zu Herzen genommen habe: Ich habe nie meinen Job fürs Schreiben aufgegeben. Das gibt einem einen langen Atem und man ist nicht gezwungen, Tiergeschichten zu schreiben, obwohl man über den Sinn des Lebens philosophieren möchte. Warum die Aschenpuhlerin jetzt doch ihre Stiefel neu geschnürt hat und weiterwandert, kann ich nicht erklären. Ich habe nichts Besonderes gemacht, kann daher auch kein Geheimrezept weiterreichen. Es war sicher nicht falsch, mein Exposé etwa hundert Mal zu überarbeiten und den Roman auch mehrmals. Ansonsten habe ich neue Romane geschrieben, Kurse besucht, Fingerfertigkeit geübt. Mich überhaupt viel mit dem Schreiben beschäftigt und Kontakte gepflegt. Und dann war ich zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort. Gerade als der Cenarius Verlag gegründet wurde, stand ich parat mit zwei fast fertigen Romanen. Eine interessante Koinzidenz lässt mich grübeln, ob für manche Ereignisse einfach die Zeit reif sein muss. Man sollte es nicht glauben, aber vier Tage, nachdem ich den Vertrag mit dem Verleger unterschrieben hatte, kontaktierte mich eine Literaturagentur. Sie möchten mich gern vertreten. Faszinierend. Es wäre also so oder so passiert? Das Wichtigste war aber vermutlich, die Geduld nicht zu verlieren. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass jeder gute Roman irgendwann einen Verlag findet. Es dauert nur manchmal etwas länger. (Und wenn er doch keinen Verlag findet, war er wohl nicht gut?) In einem anderen Interview las ich, dass man erst neun schlechte Romane schreiben müsse, um endlich einen zehnten guten zu schreiben. Damals war ich gerade bei etwa Nummer 8. Geduld, Geduld, Geduld! Die Aschenpuhlerin ist übrigens einer meiner ersten fünf Romane und war wirklich nicht besonders fesselnd, wie ich mit mehreren Jahren Abstand selbst einsehen musste. Anhand der dürren Buchstaben erstanden mir selbst die Bilder von damals nicht mehr neu vor meinem Auge. Aber als der Cenarius Verlag mein Exposé interessant fand, setzte ich mich neu motiviert in den Weihnachtsferien auf den Hosenboden und arbeitete das ganze Werk von vorn bis hinten gründlichst durch. Es war die reinste Geisterbahnfahrt, sich mit dem eigenen Schreibstil von vor fünf Jahren zu konfrontieren. Ganz zu schweigen davon, dass an manchen Romantagen die Sonne zwei Mal unterging. Ich quälte mich auf der Zielgeraden durch die Hölle. Aber es hat sich gelohnt. Inzwischen ist die erste Rate des Honorars auf meinem Konto eingegangen. Nicht dass ich wegen des Geldes schreibe, aber es ist doch ein Zeichen des Vertrauens von meinem Verlag in mich und meinen Roman. Und das tut mal richtig gut! Gleichzeitig ist mir auch klar, dass das Brutalste noch kommt: das Verkaufen. Kritiker/ innen werden mein Buch durch den Kakao ziehen, in der Luft zerreißen oder vielleicht auch mal streicheln, schlimmstenfalls vollständig ignorieren. Wenn ich an die Millionen von Menschen denke, die möglicherweise mein Buch lesen würden, aber bisher nichts davon wissen, dann steht uns noch eine Menge Marketing bevor. Jetzt verlasse ich das gewohnte Terrain des Schreibens und begebe mich ins Scheinwerferlicht. Muss mir Gedanken darüber machen, was ich bei einer Lesung anziehe. Friseurtermin wäre auch nicht schlecht. Neue Passbilder? Ich wünsche hiermit allen Schreibenden viel Ausdauer! Angelika Zöllner SCHREIBEN IN RHODOS 2006 durfte ich zum dritten Mal ein Arbeitsstipendium in Rhodos/Griechenland, wahrnehmen, und ich komme deshalb gern dem Wunsch nach, davon zu erzählen. Es gibt in Rhodos, wie zum Beispiel auch in Schweden, dem Baltic Centre in Visby, in Mojácar (Spanien) und neuerdings auch in Lettland, dem International Writers' and Translators' House in Ventspils, ein Center für Schriftsteller und Übersetzer. Hier treffen sich Schreibende aus aller Welt, um kostenlos zwei bis sechs Wochen zu arbeiten. Man stellt in Englisch einen Antrag an das Center (www.literarycentre.gr) und gibt die Gründe für seinen Wunsch, dort zu arbeiten, an. Den Flug zahlt man selbst, Mahlzeiten kann man sich in einer Gemeinschaftsküche zubereiten. Kaffee gibt es morgens gratis, dazu Zwieback, Butter und Marmelade. Wenn man erlebt, dass die Griechen erst ab 22 Uhr zum Essen ausgehen, wundert einen nicht mehr das sparsame Frühstück. Jedes der zehn Zimmer es gibt nur ein Doppelzimmer besitzt Dusche und WC. Familienangehörige können nicht mitgebracht werden. Einige der Zimmer haben einen Ausblick zum Meet Jeden Abend kann man die Sonne in immer wieder unterschiedlichen Farben untergehen sehen über dem Blaugrün der Wellen und begreifen, wie die Regenbogenfarben zusammen ein Ganzes ergeben. Viele der Autoren oder Übersetzer trifft man auf der Treppe, die hoch in Richtung der Akropolis und zu einem sich weit dehnenden Ausblick über das Meer führt. Auf der Akropolis befinden sich einige gut erhaltene Säulen eines Apollotempels, ein Odeon usw., zwischen Olivenbäumen gelegen. Das Gelände um den Tempel hat eine besondere Anziehung, da es nicht so touristenüberladen ist wie das Tempelumfeld der Inselstadt Lindos und weil diese Hügelverschlossenheit noch viel Phantasie zulässt. Manches ist hier, des Geldes wegen, noch lange nicht ausgegraben. Möchte man sich von seiner Schreibtischklausur erholen und neue Eindrücke sammeln, gibt es sehr Unterschiedliches in Rhodos zu erleben. Einsames ebenso wie lange Nächte in Tavernen oder Lokalen mit Lifemusik und manchmal griechischem Tanz. Wer die Männer, seltener auch Frauen, hat frei tanzen und sich bewegen sehen manchmal ganz allein und das, was sie fühlen , kommt ins Nachdenken. In der Saison findet so manche Aufführung im Melina Mercouri Theater statt, Open Air zwischen Burgmauern unter dem Nachthimmel der Alten Stadt, der besterhaltenen mittelalterlichen Stadt Europas, ein Teil von Rhodosstadt, der Hauptstadt der Insel. Der andere Teil heißt schlicht: Neustadt. Unvergessliche Stimmung. In der Alten Stadt sollen noch heute rund fünftausend Menschen wohnen (so genau weiß man es nicht; die Griechen sind ein herrliches, gemütvolles Volk, aber man weiß nie genau, ob Zahlen stimmen oder Straßen oder Abfahrtszeiten obwohl seit dem EU Anschluss sich das sehr geändert hat). Fesselnd ist sie, diese weitläufige Stadt der Johanniter mit ihren Steinmauern und Bögen und dem imposanten Großmeisterpalast, unter dem sich früher ein Helios Heiligtum befand. Helios war der Gott, der sich der Legende nach in diese Insel verliebte und sie von Zeus geschenkt bekam. Das Wort Helios beziehungsweise Ilios wird noch heute im Neugriechischen für 'Sonne' gebraucht. Im Griechischen sind bis heute viele Worte mit alter Philosophie erfüllt, auch logos usw. Bei uns sagt man nur Wort als Übersetzung logos bedeutet aber viel mehr. Entweder hier oder am Mandraki Hafen soll der legendäre Koloss von Rhodos gestanden haben das bekommt man jedes Mal anders von den Stadtführern zu hören, auch in den Reiseführern steht es unterschiedlich. Viele Sehenswürdigkeiten und Zeugnisse byzantinischer Kunst gibt es auf der Insel zu bewundern: kostbare Ikonen und Freskenmalereien in kleinen Familienkirchen, in Rhodosstadt mehrere stilvolle Moscheen mit künstlerisch angelegten Innenhöfen, uralten Brunnen sowie ein aus türkischer Zeit übrig gebliebenes Hamam, ein bis heute genutztes Bad. Drei der Moscheen werden immer noch von Angehörigen der islamischen Gemeinde genutzt. Ein alter türkischer Friedhof zeigt bemerkenswerte Steinfiguren auf den Gräbern, die die Berufe der Bestatteten wiedergeben. Neben dem Friedhof befindet sich auch das Haus, in dem Lawrence Durrell nach Kriegsende gelebt hat. Man kann seine Erlebnisse in dem Buch Leuchtende Orangen lesen. Es gibt außer dem türkischen auch ein jüdisches Viertel in der Alten Stadt, in dem noch einige einst aus Spanien vertriebenen Juden leben, und eine licht gebaute, sehr sehenswerte ältere Synagoge mit freundlichen Menschen, die nicht mehr mit der Wimper zucken, wenn man sagen muss, man stamme aus Deutschland (obgleich die Nazis dort mehr als genug angerichtet haben). Unterhalb der Akropolis befinden sich im italienischen Viertel stilvolle Häuser und Villen aus der Zeit der Besatzung ab 1912. Die Italiener hatten Rhodos eingenommen und 'angeblich' von den Türken nach circa vierhundert Jahren befreit. Mussolini wollte Rhodos später zur Musterinsel verwandeln. Der ,,Palazzo des Mussolini" auf dem zweithöchsten Berg auf Rhodos, dem Profitis Ilias, und die anderen unter ihm errichteten Bauten im nahe gelegenen Dorf Eleussa sind alle verfallen und drücken Öde und Bedrückendes aus. Meine Freundin aus Katalonien sagte: ,,Here is the devil." Sie verließ so schnell wie möglich diesen unheimlichen Palazzo. Fast genauso hatte ich es das Jahr zuvor gefühlt ... Keiner der Griechen mag hier renovieren. Selbst die zwei hier errichteten Hotels gehen ständig pleite ... eine unheimliche Gegend. Sogar die Bäume scheinen wie aus Stein. Interessant ist, dass das in keinem Reiseführer beschrieben steht. Ein älterer Mann, ein Ingenieur, der uns führte, erzählte, wie die Väter unter Androhung, das Leben zu verlieren, zum Errichten der Bauten gezwungen wurden. In Rhodos, das nicht nur griechisch ist dort wohnen viele Türken, Juden, Araber, einige Italiener und viele Ausländer von überall leben die unterschiedlichen Kulturen und Religionen jetzt friedlich miteinander und sind im ständigen Dialog. Für uns, die wir aus Island, Slowenien, Russland, Australien, Finnland, Norwegen, Katalonien (die oben erwähnte Freundin ist gebürtige Katalonierin. Sie wäre sehr ärgerlich, würde ich sie als Spanierin abhandeln. Als sie studierte, gab es wegen Franco keine Erlaubnis, die katalonische Literatur zu benutzen. Vieles hatte er verbrennen lassen wie bei uns die Nazis. Sie war ins Literaturcenter gekommen, weil ein Schiff in den 1930ern vor Rhodos untergegangen war mit Intellektuellen, Archäologen und Künstlern aus Spanien und Katalonien, unter anderem auch die Tochter von Lorca), Spanien, der Slowakei, aus Deutschland, den USA und anderen Weltgegenden zusammenkommen, ist immer wieder überraschend, wie tolerant hier Menschen mit ganz unterschiedlichen Religionen miteinander leben. Türken und Griechen sind nach den vierhundert Jahren türkischer Besatzung längst miteinander verwandt. 2005 war ich eingeladen zu einem Gemeinschaftskonzert von türkischen und griechischen Musikern. Türken musizierten und sangen die griechischen Lieder, und manche der Älteren waren bewegt und hatten Tränen in den Augen, wenn sie die Klänge und Texte von Mikis Theodorakis, der während der Zeit der Junta gefoltert wurde und 1970 ins Exil nach Frankreich ging, hörten. Zur Zeit werden im Literaturcenter Unterschriften gesammelt, weit reichend schon gedacht für 2018. Man möchte Kulturhauptstadt werden. Wer auf die Liste der Unterstützer gesetzt werden möchte, wende sich bitte an info@ literarycentre.gr mit dem Betreff "Rhodos 2018". Melma Mercouri, die Rhodos liebte, hatte eine lebendige Vorstellung davon, wie sich dort Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern zu einem fruchtbaren Austausch ihrer Kulturen treffen können. Es bleibt zu erwähnen, dass sich die Bibliothek im Center und der Computerraum in einem zum Teil noch verbesserungswürdigen Zustand befinden. Es wird jedoch bereits daran gearbeitet. Internetanschluss ohne DSL hatte es zum Beispiel bei meinem letzten Aufenthalt nur auf einem der drei PCs gegeben; auch der Drucker funktionierte nicht. Man durfte allerdings den Drucker des Office benutzen. Schreiber sollten ihren Laptop mitbringen und können sich in südländischer Ruhe und dem landestypischen Humor üben, wenn wieder auf der gesamten Insel kurzzeitig der Strom ausfällt Die freundlichen Menschen im Center werden jedoch ungehalten, wenn sich Autoren beschweren, wenn sie kein Zimmer mit Meerblick erhalten, lauthals verkünden, dass sie "es noch nie mit den ollen Griechen" hatten oder den täglichen Sonnenuntergang ',auch schon besser gesehen" haben Bewerben sollten sich wirklich nur AutorInnen und ÜbersetzerInnen, die auch ein wenig Sinn für das Griechische und seine Kultur haben. Dann wird es ein besonderes Erlebnis sein, über Wochen in Ruhe und anregender Umgebung gratis arbeiten und sich austauschen zu dürfen. PATMOS HIN UND ZURÜCK (aus einem unvollendeten Zyklus) II CHORA HOCH OBEN um das tausendjährige Johanniskloster fädeln sich wege in hellen tupfen gestreut ich zeichne sie nach mit den fußspitzen verfange mich in straßenwindungen diesem labyrinthenem schweigen innen der goldglanz der ikonen außen die ahnung verlorener chiffren zur oberen welt. |