|
Ausgabe 1 / 2009 Beiträge Hermann Wischnat GEDICHTTITEL Kürzlich geriet ich in einen literarischen Zirkel; Autorinnen und Autoren waren auch dabei. Unversehens ging es um Gedichttitel. Soll ein Gedicht einen Titel haben, oder ist der gar nicht erforderlich, ja bisweilen eher hinderlich oder irritierend? Die Frage scheint berechtigt, denn es gibt Gedichte mit und ohne Überschrift, wenn auch die betitelten Gedichte eindeutig in der Überzahl sind. Ein Titel hat Signalcharakter. Viele Leserinnen und Leser erwarten oder verlangen in ihm den Kern der Textaussage, zumindest eine Zusammenfassung oder . vielleicht besser sogar . den Witz des Gedichts, Witz im alten Verständnis von "Einsicht ins Ganze". Die Dichtenden selbst sind vorsichtig. Je nach Anlass und Situation kann ein Stichwort einen Schreibprozess auslosen und sofort als Überschrift feststehen. Von Autorinnen und Autoren hört man aber auch: Gelegentlich ist der Text fertig, aber der "passende" Titel fehlt. Vom Textinhalt her sind mehrere denkbar. Der letztlich gewählte ist dann ein Kompromiss, weil man, so will es die Gepflogenheit, betitelt. - Der Leser merkt solch eine Unsicherheit kaum, wie soll er auch, und halt die Überschrift für textverbindend, in aller Regel fur die Quintessenz dessen, was die Autorin/ der Autor sagen will. An dieser Stelle liegt eine plausible Begründung für das titellose Gedicht. Und es gibt Autorinnen und Autoren, die grundsätzlich ihre Gedichte unbetitelt lassen. Der Leser hat dann die Freiheit, sich titelunvoreingenommen die Inhalte zu erschließen und zu ordnen. Er verspürt eher die Herausforderung, selbst zu seiner Leitaussage zu kommen, statt sie per Überschrift vorab zur Kenntnis zu erhalten. Das alles gilt, wenn das titellose Gedicht gelesen wird. Da aber auch das Lesen von Gedichten eine Gewohnheitssache ist, geht der "titellose" Autor die Gefahr ein, dass sein Text gar nicht gelesen wird; das Gedicht wird überschlagen. Der Leser sucht unwillkürlich erst nach den "richtigen" Gedichten; und die haben eine Überschrift (?) Die kann über die Frage nach inhaltlicher "Treffsicherheit" hinaus grafisch vielfaltig gestaltet werden. Man blättere nur: Große und kleine Überschriften, vom Gedichttext abweichende Schriftarten, Fett- oder Kursivdruck, variierende Abstande zwischen Titel und Text, Titel mit optisch abgesetztem Untertitel, auffällige Positionierungen im Satzspiegel, Titellange (nicht mehr als fünf Worte?) usw. Gerat ein Gedicht in ein Buch, in eine Anthologie z.B., entscheidet über die grafische Aufmachung des Titels in der Regel der Herausgeber. Ihm geht es um die Gesamtwirkung, die beim Leser auch über die Titelform Erwartungen wecken und eine Einstimmung bewirken soll. Die Autoren entdecken sich mit ihren Gedichttiteln grafisch fremdgestaltet vereinheitlicht wieder. Aus welcher Sicht der Titel - oder die Suche nach ihm - auch betrachtet wird, es ergibt sich immer eine Beziehung zwischen Titel und Text. Man entdeckt Korrespondenzen, Vernetzungen, Konnotationen. Und die Lesenden entdecken sich - oder entdecken sich nicht - vor der Frage, ob ihnen das jeweilige Beziehungsgefüge zwischen Titel und Gedicht als gelungen erscheint. Wer sich diese Frage selten oder zögerlich stellt, hat möglicherweise zu viel Respekt vor dem gesetzten Titel. - Oder hat er bisher das Gluck gehabt, nur auf Gedichte zu treffen, bei denen Titel und Text fraglos zueinanderstehen? Im obigen Gesprächskreis äußerten sich übrigens die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (auch die Dichtenden) dahingehend, dem Titel künftig ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Etwa: Bereits beim Titel vor dem Lesen des Textes Vermutungen zum Inhalt anzustellen; nach dem Lesen des Gedichts die Funktion des Titels konkret in diesem Gedicht zu durchleuchten; für das unbetitelte Gedicht eine Überschrift gleichsam für den Eigengebrauch zu finden. Aber das klingt schon fast nach etwas lehrerhafter Aufmunterung, in lyrisch bester Absicht natürlich. Abschließend darf ich fragen: Wie stehen Sie zu Gedichttiteln? - und darf zögernd hinzufügen: Ertappen Sie sich gelegentlich wie ich bei der Versuchung, unbetitelte Gedichte ungelesen zu übergehen? Karl-Heinz Schreiber WARUM NOCH GEDICHTE? Die Lyrik als interaktionistische Sublimations-Prophylaxe "Es war, als träte ich ins Manuskript ein…"(Dürrenmatt, Justiz) Was wissen wir schon von einem Gedicht?! Wir wissen nicht einmal, welches Wetter bei seiner Entstehung dominierte. Nur ein wenig Sensibilität des jeweiligen Autors scheint registrierbar. Aber was besagt dies eigentlich?! Empfindlich sind wir alle. Empfänglich sind die wenigsten. Zumindest für die feineren Reize. Und zu denen zählen zweifelsohne Frauen und Gedichte. Allerdings muss es hierbei eine Unterschiedlichkeit geben. Wer hätte nicht schon eine Frau bedichtet?! Aber wer befraut schon ein Gedicht?! Obwohl auch dies nicht uninteressant sein dürfte! Warum schreiben wir Gedichte? Nun soll also das Gedicht wirksam werden. In fast schon therapeutischer Hinsicht. Missbraucht wird es offensichtlich ohnehin und stets. Wie ließe sich nun Dichten ohne Ballast praktizieren?! Könnte das Gedicht dem vorbeugen, wozu es sonst missbraucht werden könnte?! Man versteht Logik? Wie ließe sich etwas verhindern, zu dessen Beseitigung man genau das bräuchte, was seine Verhinderung nicht bewerkstelligen konnte?! Oder: Warum schreiben wir Gedichte?! Könnte durch das Schreiben eines Gedichts das Schreiben eines Gedichts verhindert werden?! Dies ist die epochale Frage. Oder werden Gedichte womöglich auch noch aus anderen Gründen geschrieben, als andere Gedichte zu verhindern?! Es ist Zeit für Erschütterung. Nicht eigentlich, was die Thematik angeht. Nein, hinsichtlich der Aktivitäten. Die Reflexion wird allerorten diskreditiert. Mit Argumenten, die keine mehr sein können, weil sie sich in der Gesamtschau aufheben. Aber das stört die Fraktionen nicht. Man reklamiert Verletzlichkeit. Man schafft originelle Tabus. Man verausgabt sich, um ein neuartiges Konzept von Parasitentum zu rechtfertigen. Literatur ohne Einmischung? Die Literatur hat den Status erlangt, legitim verausgabt sein zu dürfen. Man erwartet bestenfalls Innovationen, aber keine Einmischung mehr. Die Literatur multipliziert sich zu sehr. Dadurch wird sie parzellierbar,isolierbar, angreifbar, beherrschbar. Und so ist sie in kommunikationstechnischer Hinsicht unter das Niveau schlecht beleumundeter Geheim-Diplomatie geraten. Die Objektivierarbeit von irgendetwas, geschweige denn von Aussagen, wurde wegrationalisiert. Als unmodern und unzweckmäßig erklärt. Das Subjektive ist mit postmoderner Endgültigkeit zum alleinigen und unversöhnlichen Maßstab erkoren. Jeder sein eigener Kosmos. Bis zur Realitätsverleugnung. Verständigung ist plötzlich nur noch dadurch möglich, dass man alles gelten lässt. Die Beliebigkeit wird zur neuen Orthodoxie. Dennoch stellt sich kein Gefühl der Freiheit ein. Man ist mit kalkulierter Freizügigkeit zufrieden. Das gesellschaftliche Leben wird in seiner Relevanz minimalisiert. Zusammenkünfte haben längst nur noch rituellen Charakter. Die Literatur erhält dort, wo sie toleriert wird, Weihefunktion. Der Autor ist für eine Stunde Charismatiker, bis man ihn am Kneipentisch wieder auf seine Banalität zurückstuft. Notwehr und ihr Vorwurf sind somit programmiert. Womit wir, wie so häufig, bei der Frage nach Beschäftigung und Sinn derselben, beim Schriftsteller wären. Er kann observieren und bedauern, kommentieren und fordern, stänkern oder belobigen. Jedenfalls ist der Schriftsteller immer ein Zuspätgekommener. Er kann noch so früh aufstehen - immer findet er schon Ergebnisse vor. Der Schriftsteller dringt nicht bis zu den Verantwortlichkeiten vor. Aus diesem Grund ist wohl die Sublimationshypothese bezüglich der schriftstellerischen Betätigung in die Welt gesetzt worden. Bösartige oder naivwohlmeinende Kritiker mögen sie konstruiert haben. Als Alibi für sich selbst, um das Tun eines Schriftstellers auf die ganz banale Art erklären und gegebenenfalls belächeln zu können. Sublimieren beim Schreiben? Der Schriftsteller, dem Sublimation unterstellt wird, befindet sich in der Situation desjenigen, der verhaltensauffällig wurde unddem man verspricht, dass er gleich auf schonende Weise abgeholt werde. Und man werde ihn irgendwo verwahren, wo er vor sich selbst in Sicherheit sei. Musste denn die Demütigung so weit gedeihen? Bis die Schriftsteller bemerkten, dass man sie in die Mitleids-Oase abgeschoben hatte, war es schon sehr spät. Nun galt es wirksame, aber auch unverdächtige Strategien zu entwickeln. Nichts ist schwieriger, als sich von den Vorwürfen anderer zu befreien, ohne sich neuerlich zu belasten. Es galt, etwas Prinzipielles klarzukriegen: Etwas Begreifenswertes begreifen und etwas, was einem die Neider des Begreifens und der jeweiligen Problematik missgönnen - das wäre sowohl Thema als auch Triumph. Zu begreifen gilt es, dass man Schriftsteller nicht aus einem Defekt heraus wird. Die Frage ist, ob es eine Prophylaxe gegen überflüssige Unterstellungen gibt, damit man als Schriftsteller seine eigentliche Arbeit tun könne. Schließlich wird man nicht Schriftsteller, um sich dann zu rechtfertigen, dass man einer ist. Wobei diese Rechtfertigung keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde. Eigentlich wird sie sowieso durch die Praxis des Schreibens geleistet. Es gilt klarzumachen, dass der Schriftsteller uneigennützig und bei klarem Verstand ist. Dass seine Begehrlichkeit immer Stellvertreter? Gefechte sind. Er schreibt nicht, weil ihm etwas fehlt, sondern weil er feststellt, dass der Menschheit zu vieles vorenthalten wird. Ein Schriftsteller ist eigentlich immer in der Offensive. In dem Moment, da der Schriftsteller seine Funktion erkennt und akzeptiert hat, muss er sich seine Zeit und seine Energie geflissentlich einteilen. Er will ja nicht nur Geld verdienen, sondern vor allem auch gehört werden. Ablehnung kann ihn trotzig machen, aber nicht stärker. Mit Nützlichkeitserwägungen allein kommt man der Zweckbestimmung der Schriftstellerei nicht bei. Schriftsteller bleiben - im richtig verstandenen Sinne - immer Parasiten in Gesellschaften, die auf Kapital oder Ideologie getrimmt sind. Die Gesellschaft muss ihre Mahner und Warner mitfinanzieren - anders geht es nicht. Schriftsteller sind auf Solidarität und Interaktion angewiesen. Von Seiten der Gesellschaft und auch untereinander. Der Schriftsteller als Künder und Utopist Damit sich jeder Schriftsteller möglichst umfangreich seiner eigentlichen Aufgabe widmen könne (nämlich: dass das Leben angenehmer werde), bedarf es wahrscheinlich einer interaktionistischen Sublimationsprophylaxe. Was so kompliziert klingt, ist in realiter etwas ganz Banales: die Schriftsteller müssen in gewisser Weise zusammenhelfen, dass ihr Schreiben nicht nur die Frustration über bestimmte Zustände artikuliert, sondern dass es sich darum bemüht, Ursachen aufzudecken und Strategien mitzuentwickeln hilft, die Ursachen für Missstände zu erkennen und zu beseitigen. Darüber hinaus ist der Schriftsteller Künder und Geburtshelfer von Utopien. Dass man sich über Utopien verständigt, ist eigentlich selbstverständlich. Die Schriftsteller können dies in Essays tun - oder eben in Gedichten! Dies klingt in sich auch utopisch. Ist es aber viel weniger als notwendigerweise praxisorientiert. Warum sollte nun gerade ein Gedicht interaktionistisch und sogar prophylaktisch wirken können? Und dies zunächst nur oder auch sogar personenbezogen im Rahmen der schriftstellerischen Bedürftigkeit. In jedem Falle stellt ein Gedicht etwas fest. Bringt etwas auf einen Ausdruck. Macht etwas, das nur für einen auffällig war, für viele auffällig. Lädt zu sich ein. Zu einer Beschäftigung, einem Sich?Einlassen. Wenn dies mehrere tun, ist schon der erste Schritt zur Interaktion getan. Kein Text ist wirkungslos! Dass man dann Texte bespricht, wäre der zweite Schritt. Dass einem die Texte selbst und das Sprechen darüber helfen könnte, führt unmittelbar zur Prophylaxe. Kein Text ist wirkungslos. Ebensowenig wie ein Umgang mit Texten. Der Schriftsteller hilft sich selbst am meisten, wenn er anderen hilft. Lesern oder Schriftstellerkollegen. Es geht ja darum, Sublimation und deren Verursachung zu vermeiden. Wem es tatsächlich nur um Sublimation ginge, der dürfte nicht schreiben. Es ist nicht legitim, andere mit den eigenen Defiziten und Frustrationen zu belästigen. Wer schreibt, muss etwas zu geben haben. In einem Gedicht konzentriert sich jeweils ein Angebot, welches zu einer Kommunikation mit Perspektive beiträgt. Die wirksamste subjektive Sublimationsprophylaxe ist das Aufzeigen einer objektivierbaren, plausiblen Perspektive. Der Autor muss also ?ins Manuskript eintreten", wenn er sich und seinen Lesern etwas Konkretes anbieten will. Die ganze Verherrlichung der assoziativen Schreibweisen in Lyrik und Prosa führt letztendlich auch zur Orientierungslosigkeit, was die Schreibabsicht anbetrifft. Die mehr oder weniger logische Konsequenz daraus ist die Frustration bei Autor und Leser. Es ist sozusagen die Multiplikation einer ursprünglich beim Autor empfundenen Frustration zu einem Produkt im doppelten Sinne. Nicht nur der Leser, auch der Autor ist hier zu bedauern. Warum fehlt uns der Mut, den "positiven" Menschen zu zeigen? Die Frage nach der Alternative ist hoffentlich legitim. Und eine Beantwortung möge nicht anmaßend empfunden werden. Es ist im Grunde ganz einfach: Ein Autor, der "nichts zu sagen" hat, sollte auch nicht schreiben. Wer darüber hinaus nur zur eigenen Sublimation schreibt, um anderen den Vorgang der Sublimation als ohnehin unvermeidlich schmackhaft zu machen, versündigt sich quasi an den Möglichkeiten des Schreibens. Schreiben sollte dazu dienen, Sublimationsanlässe von vornherein zu vermeiden, eben prophylaktisch wirksam zu werden. Individuelle Existenz, gesellschaftliches Zusammenleben und die daraus erwachsenden bzw. darauf bezogenen Äußerungsformen von Menschen - z. B. eben auch das Schreiben - können keinem vornehmeren Zweck dienen, als Enttäuschungen zu vermeiden, statt sie zu ritualisieren. Der Typus des "Versagers" muss wieder aus unseren Köpfen und aus der Literatur verschwinden, weil er als Orientierungsfigur in den Fatalismus führt. Warum fehlt uns der Mut, den "positiven" Menschen zu zeigen? Veröffentlicht in Essays & Aufsätze, Karl-Heinz Schreiber, Literatur by Walter Eigenmann am 29. Dezember 2007 Horst Dinter EIN BUCH ZU ENDE LESEN … Ich lese jetzt an der dritten Geschichte in diesem Buch, und schon nach der ersten war ich eigentlich fest dazu entschlossen, das Buch aus der Hand zu legen – für immer. Warum habe ich es nicht getan? Das Buch ist eine Zumutung! Ich habe es gekauft, als der Wetterbericht hier für unseren Urlaubsort ein paar Regentage weissagte. Der Name des Autors verhieß Gutes, wenn man deswegen überhaupt nach Autorennamen sehen darf: KELLER. Ich kenne schon lange – erstens – Gottfried, den Nachdenklichen, den Umständlichen aus der Schweiz mit der ein wenig altmodischen Sprache, den Weltberühmten, und dann noch – zweitens – Paul, den Fröhlichen, der eine der seltenen Gebrauchsanweisungen für einen erholsamen Urlaub geschrieben hat, ‚Ferien vom Ich‘, den Schlesier. Der Autor, mit dessen Buch ich mich nun herumschlage, heißt Gerhard K. Seine erste Geschichte habe ich mit der Unbefangenheit begonnen, die von der Neugier bestimmt wird. Es war die trostlose Geschichte eines eben verheirateten Ehepaares, bei dem die junge Frau schon nach wenigen und keineswegs außergewöhnlichen Ehewochen verrückt wird, aus heiterem Himmel sozusagen und ohne ersichtlichen Grund und damit auch ohne Anlass zu irgendwelchen Weiterungen. Der junge Mann hat diesen schweren Schlag sein ganzes Leben lang nicht überwunden, was allerlei bedeuten kann – In der zweiten Geschichte handelt es sich schon gar nicht mehr um ein Ehepaar, sondern nur noch um Liebesleute, bestenfalls Verlobte oder Versprochene, bei denen diesmal der junge Mann schwermütig wird (übrigens unter ganz ähnlichen Umständen wie beim ersten Mal, also ‚einfach so‘) Aber warum erzähle ich Ihnen das eigentlich? Damit auch Sie schwermütig werden? Oder damit Sie die Finger von diesem Buch lassen, jedenfalls, wenn Sie für Ihren Urlaub etwas zum Lesen suchen? Irgendjemanden müssen die Geschichten dieses Buches doch interessieren, ‚anmachen‘, wie die jungen Leute heute sagen, sonst würde kein Verleger so etwas drucken und zu verkaufen versuchen. Die Weissagung des Wetterberichts übrigens ist nicht eingetroffen. Das Wetter ist unverändert gut, geradezu herausfordernd schön, warm und sonnig. Also habe ich gar keinen Grund, in diesem unzumutbaren Buche weiterzulesen, sollte vielmehr spazieren gehen oder unten auf dem See eine Bootsfahrt machen oder vielleicht nur im Garten träumen. Und trotzdem lese ich gerade die dritte Geschichte, die ebenso trostlos zu enden verspricht wie die beiden davorstehenden (wahrscheinlich werde diesmal die beiden miteinander befreundeten Teenager ungefähr gleichzeitig depressiv enden!) Vielleicht kann ich mich jetzt endlich dazu entschließen, das Buch wegzulegen! ‚Aller guten Dinge sind drei!‘ sagt eine Redensart, und warum sollte das nicht auch für die schlechten gelten? Dann wäre es jetzt, nach dieser dritten Geschichte, wirklich Zeit, mit solcher Urlaubslektüre Schluss zu machen. Man kann es freilich auch anders lesen, und nun, nach der dritten Geschichte bekommt das Buch ein neues Gesicht, denn: Aller trostlosen Dinge …Eben sind die beiden, die in dieser dritten Geschichte eine Hauptrolle spielen, dabei, auch noch einen langjährigen Freund in den Selbstmord zu treiben, aus einem Grunde, über den das Buch sicher keine Auskunft geben kann. Ich weiß noch nicht, ob es zum Selbstmord kommen wird, aber ich ahne es. Man entwickelt einen besonderen Sinn für solche makabren Fortgänge, wenn man genug darüber gelesen hat. Dann freilich sollten die Einfälle des Autors ziemlich erschöpft sein, bei denen man – von aller Trostlosigkeit abgesehen – wenigstens noch den bescheidenen Reiz des Geringfügig-Andersartigen spüren kann. Folglich müsste die vierte Geschichte etwas ganz Neues bringen, kontrapunktisch sozusagen, wobei allerdings die Fröhlichkeit nicht ebenso ausschließlich fröhlich zu sein braucht wie die Trostlosigkeit es bisher war. Hier kommt mir ein absonderlicher Gedanke: warum eigentlich liest man die erste Geschichte zuerst, danach die zweite und so fort? Und wenn man nicht überhaupt mit der zweiten beginnen wollte oder mit irgendeiner anderen – warum fährt man nicht mit der fünften etwa fort oder mit der sechsten? Vielleicht, weil man doch einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten vermutet, obwohl weder im Titel des Buches noch im Klappentext irgendetwas diese Vermutung stützt? – bestenfalls noch der Hinweis ‚aus den verschiedenen Schaffensperioden des Autors‘. Und wenn dann nicht der Zufall bei der Herstellung des Buches diese Schaffensperioden blind durcheinander gebracht hat, müsste man beim Autor so etwas wie eine Weiterentwicklung erkennen können, also zum Beispiel vom Düster-Trostlosen zum Gelassen-Ausgeglichenen und endlich zur fröhlichen Weisheit. Ja, so könnte man hoffen! – Aber Hoffnung ist ein schlechter Ratgeber. *** Das Wetter ist noch immer schön, und ich bin inzwischen bei der sechsten oder siebenten Geschichte angelangt. Ich weiß es nicht einmal genau, weil ich die Trostlosigkeiten nicht mitgezählt habe – immer in der Hoffnung, dass sie endlich zu Ende gehen würden. Und während ich bisher fest davon überzeugt war, dass meinem Autor doch bald, sehr bald die Wendung zu einem ganz anderen Stoff gelingen könnte, bin ich inzwischen nur noch neugierig darauf, ob er sie überhaupt schafft. Bis zur Hälfte des Buches jedenfalls gab es kein Anzeichen dafür! Deshalb ist es ganz unverständlich, dass ich diesen elenden Schmöker noch immer nicht fortgeworfen habe! (Ich merke, wie es mich reizt, mit den Zähnen zu knirschen!) Bücherleser sind merkwürdige Leute. Ich habe soeben gemerkt, dass ich mit der siebenten Geschichte schon über die Mitte des Buches hinaus bin. Jetzt aber werde ich es jedenfalls zu Ende lesen. Ich mag halbgelesene Bücher nicht! Und ich habe an dem Spinat, den ich als Kind nicht ausstehen konnte und den ich trotzdem nicht halbgegessen liegen lassen durfte, die notwendige Disziplin auch den abwegigsten Sachverhalten gegenüber gelernt. Schon auf den letzten Seiten ist mir der Gedanke ans Aufhören gar nicht mehr gekommen, obwohl sich der Inhalt der Geschichten und ihr Stil nicht entscheidend geändert haben. Vielleicht ist mein Entschluss eine Art Trotzhandlung oder ein Aufbegehren dagegen, dass soviel gedruckte Trostlosigkeit aus einem geduldigen Leser einen zornigen machen könnte und zuletzt einen verzagenden. Nein, ich will das Buch schließlich mit der letzten Seite zuklappen können, im Gefühl, es geschafft zu haben. Das ist zwar ungemein töricht, mindestens angesichts des wunderschönen Wetters draußen und wenn man zudem sicher sein kann, dass aus diesem KELLER hier kein Gottfried werden wird und wahrscheinlich nicht einmal ein Paul, und dass man deshalb keine weltliterarische Lücke zurück behalten würde, wenn man sein Werk nicht gründlich kennte, aber – Bleibt einzig und allein die Hoffnung, dass der Autor doch noch ein neues Thema finden könnte, vielleicht in den beiden letzten Geschichten. |