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Ausgabe 1 / 2009 Beiträge Walter Ehrismann mi seen Place oder Mayas Bankett und die Ehre des Kellners Der Fürst war zu welterfahren, um an einem Ort im Landesinnern sizilianischen Gästen mit einem Essen aufzuwarten, das mit einer potage begann, und er verstieß umso leichter gegen die Regeln der haute cuisine, als diese Sitte auch ihm nicht zusagte. Doch die Kunde dieses barbarischen ausländischen Brauchs, eine fade Brühe als ersten Gang aufzutragen, war allzu hartnäckig bis zu Donnafugatas Prominenz vorgedrungen, so dass zu Beginn dieser feierlichen Essen sich in jedem seiner Gäste ein Rest Bangigkeit regte. Als nun drei Diener in Grün, Gold und gepuderter Perücke hereinkamen, jeder eine riesige Silberplatte mit einer ragenden Makkaroni-Timbale tragend, enthielten sich nur vier von zwanzig Personen entzückter Überraschungsbekundungen: der Fürst und die Fürstin, weil sie Bescheid wussten, Angelica aus Geziertheit und Concetta aus Mangel an Appetit.»Der Gattopardo, Giuseppe Tomasi di LampedusaDieser kurze Textausschnitt spiegelt die festgefügte Ordnung einer längst vergangenen Zeit - das Fürstenpaar als Gastgeber, die Familienangehörigen, die Gästeschar und die Diener. Auch das Küchenpersonal ist durch die Beschreibung der aufgetragenen Speisen anwesend, unsichtbar und stumm. Jeder ist da, wo ihn das Leben hingestellt hat. Das Ergreifendste daran ist die Unbedingtheit, mit der alles seinen klar geregelten Lauf nimmt und seine Richtigkeit hat. Die Dinge sind an ihrem Platz, die Menschen verstehen sich als Teil des großen Welttheaters, wo die Rollen von Anfang an verteilt sind und von niemandem in Frage gestellt werden. Nur ganz leise klopft der Fürst, dank seines abgeklärten Wissens um die Brüchigkeit alles Gefügten, an die verborgenen Tapetentüren.Zwischen Küche und Tischgesellschaft nimmt der Diener, oder eben der Kellner, die Rolle des «go between» ein - er ist die Person des Abends, von der vieles abhängt: Seine Art, gleichzeitig anwesend zu sein und doch in den Augen der Gäste unwichtig zu erscheinen - auch das Wesen des in seinem Kern rituellen Vorgangs - beides veredelt den Genuss des Essens und Trinkens. Durch striktes Einhalten einer durch Tradition vorgegebenen Zeremonie hebt der Diener den Gast in den Rang des Fürsten: «Der Gast ist König!» Das Hereintragen und Vorzeigen der pièce de résistance gehört bereits zur kultischen Handlung und ist heute wieder in Mode. Nicht umsonst spricht man von «Esstempeln». Auch kein amuse bouche, kein entrée, das nicht von der beschwörenden Stimme des Kellners begleitet wird, der uns ins Geheimnis dieses plat einweiht und uns zu wissenden Komplizen macht, indem er uns scheinbar teilnehmen lässt an der création der Köstlichkeiten. Voilà le ragoût du Roi - Kellner, Diener sein! Ohne Gold-Livree und Perücke, aber in schwarzer Hose und weißer Jacke, vor dem Krieg noch im Cutaway, dem weißen Hemd mit gestärktem Kragen und der Fliege. So spielt der Kellner, versteckt, auf jene Zeit an, da der Fürst zu Tische lud. Lange Zeit war es deshalb in guten «Häusern» verpönt, dem Gast eine Bedienerin zuzumuten, denn das hatte immer den Beigeschmack des établissement, des demi-monde. Wenn ich aber, als Gast, nebenbei erwähnen kann: Wissen Sie, das ist mein Kellner, erhöht es meine Reputation und die Begleitung staunt, wenn ich beim Eintreten mit meinem Namen angesprochen werde. Es ist eine der Schönheiten dieses Berufs, so wie der Diener die Erhabenheit des Gastgebers verkörpert, des Fürstenhauses, des Fünfsternehotels, wenn der Kellner in seinem traditionellen habit dem Anwesenden, dem Eingeladenen, das Gefühl gibt, am dîner als an etwas Majestätischem teilzunehmen, was ungeübte Gäste in große Ängste stürzen kann und Befürchtungen auslöst, nicht richtig gekleidet zu sein, sich unangebracht zu benehmen oder gar das falsche Besteck zu ergreifen. Sein Kellner sein! Die Launen des Gastes glätten, als verschwiegener Mitwisser kleiner Nöte den Abend mitzugestalten, als Katalysator der Freude zu wirken und den Gast darauf in die Nacht hinaus zu verabschieden, wohl versehen nicht gerade mit den heiligen Sterbesakramenten, dafür mit den Tröstungen eines gelungenen Essens, das in Magen und Geist jene Wärme ausbreitet, die Eros für jeden Empfänglichen bereit hält. Später im Office mit den andern der Brigade den Verlauf des Gastmahls kommentieren, einen Schluck nehmen, wenn Mitternacht längst vorbei ist. Abrechnen, das heißt, den tronc, das Trinkgeld teilen. Den nächsten Tag besprechen: morgen, wie immer zuerst die Mise en Place. Für das petit déjeuner sind andere zuständig, Frauen eben. Es ist unter unserer Würde. Wir sind ausgebildet, Hotelfachschule, in der Welt herum gekommen. Kennen Sie das Kulm? Nein? Das Savoy auch nicht und das Dorchester? Im Dorchester spielen Tommy Dorsey und Nat Gonella live, im Savoy Benny Goodman. Das allerdings war vor dem Krieg. Und Teddy Stauffer im Kulm - hier Kellner sein - Jahrzehnte vorbei! Was darauf folgte, war der lange Weg des Abstiegs eines Berufsstandes, «McDonaldisierung», durch Infrarot aufgewärmte Speisen, Steamer in der Küche, eine ganz andere Gastrophilosophie. Bei uns hat es mit Pragers Möven begonnen: Austern, Krevettencocktails, Champagner-cüpli zu jeder Tageszeit und für jedermann. Diese zu kurz bemessenen Mahlzeiten! Auf den Tischchen waren anfangs vier Brötchen und die Ketchupflasche bereitgestellt, als Beigabe zum Lunch gedacht. Dann kamen ungeplant nachmittags die Alten und taten sich gütlich daran, stundenlang vor einer Tasse Kaffee oder Minztee sitzend. Und dieses Gerede an den schmalen Tischen! Den Gehstock auf den Boden gelegt, den Mantel über der Stuhllehne. Soll ich Ihnen beim Aufstehen helfen? Diese Rechnung konnte für niemanden mehr aufgehen, es war eine Entfremdung zwischen Gastgeber und ungeliebten, neuen Gästen. Dann wurde konsequenterweise das Trinkgeld abgeschafft und damit die Kultur des Dienens. Von jetzt an waren wir Lohnarbeiter und unser Beruf ein Job. Bereits mein Vater arbeitete im Service. Er begann seine Lehre zu einer Zeit, als der Beruf des Kellners noch Garantie war, die Welt zu sehen. Er mochte keine Jahresstelle. Mit Nachmittagstee, Stammtisch und Bierfröhlichkeit am Abend hatte er nichts zu schaffen. Das Gebaren der jungen Gäste, die heute die auf «cooles Design« getrimmten Gaststätten füllen, war ihm fremd. Er blieb eine Saison lang an einem Ort, dann ging er wieder. Überallhin. Sich immer wieder neu einfügend in das Ewiggleiche. Nach der Familiengründung wurde es allerdings schwieriger, sein Berufsethos zu halten. Enttäuscht brachte er die kupferne Flambierpfanne, die ihm gehörte, nach Hause. Sie wurde nicht mehr benötigt und endete im Keller. Einmal hatte er sie nochmals hervor genommen, für Crêpes Suzette zum Hochzeitstag, worauf der Küchenvorhang beim Flambieren Feuer fing. Früher, da hatte er sogar ein eigenes Gästebuch geführt. Alle großen Stationen seines Arbeitslebens waren darin verzeichnet. Es war die Welt! Und immer wieder Unterschriften, Widmungen berühmter Gäste: Könige, Filmstars, Minister, Bundesräte, der General. Die täglichen Begebenheiten seiner jungen Familie aber erfuhr er bald nur noch aus zweiter Hand. Am Morgen war der Nachwuchs in der Schule, nachmittags, während seiner Zimmerstunde, ebenfalls, und in der Nacht, wenn er heimkam, schlief alles. Es konnte drei Wochen dauern, bis ich meinen Vater kurz erblickte. Für mehr als ein paar Worte und Blicke reichte es dann nicht. Für ihn schien das Leben leicht. Was er verdiente, wussten wir nicht, vielleicht nicht einmal er selbst. Er lebte damals vom Tronc, das heißt, die Trinkgelder wurden nach einem vertraglich festgelegten Schlüssel an die Servicebrigade verteilt. Das war eine Rangordnung wie bei der Armee: Commis, Commis de Rang, Chef de Rang, Chef de Service, Chef de Restaurant, Maître d‘Hôtel - ich habe später als Quereinsteiger angefangen, mir eine Schürze umgebunden, den Chasseur gemacht mit der Voiture, den Gästen offeriert, was der Feinschmeckerwagen zu bieten hatte. An den Nachmittagen Sandwiches, Pâtisserie und Tortenstücke, Papierservietten und Besteck in den Schublädchen, oben die Süßigkeiten unter der Cloche. Die voiture, das war mittags und abends. Friedrich Dürrenmatt erwähnt diesen kulinarischen Höhepunkt der Kronenhalle in einem seiner Kriminalromane.Zum ersten Mal sah ich Maya Riklis «Bankett» 1999 in Zofingen, im Obergeschoss des alten Schützenhauses. Ein klassizistischer Fest- und Ballraum, spiegelndes Parkett. Der Raum beherbergte das verlassene Gelage, als Kunstereignis dargestellt. An zwei langen Tischen, unter drei erhabenen Kronleuchtern hatten, an weißem Linnen, imaginär, sechzig Leute gesessen, in angeregte Gespräche vertieft. Was sie dachten, sagten, gesagt hätten oder hätten sagen mögen, war in kleine und große Flaschen und Karaffen aus hellem reinem Glas eingraviert. Die Position der verschwundenen Gäste markierten Weingläser mit ihren Namen. Die damastenen Mundtücher, achtlos hingeworfen, betonten die Trostlosigkeit eines verlassenen Festes, wie es Luchino Visconti in seinen Filmwerken oft darstellte, u.a. in «Der Tod in Venedig». Man fühlte sich beim Betrachten aber eher an den alten Schwarz-Weiß-Film «Das letzte Ufer» erinnert: Nach einem vernichtenden Atomschlag gegen die USA erhält ein davongekommener U-Boot-Kapitän, von Gregory Peck gespielt, den finalen Auftrag, von Australien aus an die Küste Kaliforniens auszulaufen, wo geheimnisvolle Laute Überlebender registriert wurden, von irgendeinem Lauschprogramm aufgezeichnet. Freiwillige gehen in Schutzanzügen an Land, suchen und finden den Zeugen der untergegangenen Gesellschaft, einen Fensterflügel, sinnlos im Winde hin- und her schlagend und über einen intakten Morse-Apparat den fernen Lauschern suggerierend, es sei noch Leben vorhanden. Die Suchenden sind mit der Leere konfrontiert, die das Leben hinterlässt, wenn es abhanden gekommen ist. So nimmt der Kapitän wieder Kurs aufs offene Meer. Er und seine Mannschaft, desillusioniert, lassen auf hoher See das Boot bei geöffneten Schotten versinken. Beim Eintritt in den Saal ist die mise en place, die Tischordnung, noch erkenntlich, obwohl das Galadiner eigentlich vorbei ist und die Menschen gegangen sind. Deren Gedankenfragmente und Pseudodialoge schweben noch im Raum, über den Banketttischen. Die gebrauchten Servietten liegen achtlos, von der Künstlerin aber bewusst arrangiert, an den Plätzen. Essspuren, Lippenstiftreste und Speichelflecken sind durch silberne Kreuzstiche eingefasst und so verewigt worden. Die Einladungskarte zum Bankett wies ein Zitat aus «Der Gattopardo» Giuseppe Tomasi di Lampedusas auf, wobei der Text in der Schwebe ließ, ob mit der Einladung die Teilnahme an einem herrschaftlichen Bankett oder nur an der Zurschaustellung dieses Banketts gedacht war. Und die Besucher, die meisten von ihnen wohl wissend, dass sie als Mayas Freunde und Bekannte mit Serviette und eingeritzten Gesprächsfetzen dargestellt worden waren, strömten neugierig in den Saal, suchten, von Geisterhand getrieben, «ihren» Platz auf und erkannten, plötzlich doch überrascht, den eingravierten Namen im Glas und die Spuren auf den Mundtüchern, die sie vor Monaten hinterlassen hatten und die die Künstlerin in der Zwischenzeit durch ihre Bearbeitung veredelt hatte. Man schaute, wer neben einem gesessen hätte - man wollte ja wissen, mit wem man den imaginären Abend verbracht hätte, von der Künstlerin zu dieser Nachbarschaft genötigt. «Mit diesen zynischen Kommentaren kann ich gar nichts anfangen! Manchmal als Theoretiker, manchmal als Künstler..... Ja, auch Lyrik! Wieso unsichtbar?» Ich habe mich ebenfalls gefunden.«Tancredi bemühte sich, Galanterie und Gaumenfreude miteinander zu verbinden, und versuchte, entrückt, in der Würze der wohlschmeckenden Gabelvoll Makkaroni den Duft von Angelicas Küssen zu erahnen, doch er stellte enttäuscht fest, dass das Experiment unzulänglich war, und ließ es sein, behielt sich aber diese Träume für den Nachtisch vor; Don Fabrizio, obschon hingerissen vom Anblick der ihm gegenüber sitzenden Angelica, stellte als einziger am Tisch fest, dass die demiglace zu üppig war und nahm sich vor, morgen den Koch darauf hinzuweisen; die anderen aßen, gedankenverloren, und wussten nicht, dass das Essen ihnen so köstlich schmeckte, weil sich eine sinnliche Aura ins Haus eingeschlichen hatte.»Eros und Thanatos auch hier.... Ich bin hingerissen. Wie von einem Traum eingefangen. Gleichzeitig tauchen verborgen gebliebene Bilder auf. Bilder aus meiner Jugend. Da fehlt noch jemand! Genau: der Kellner. Ohne ihn, den Diener, lebt keine Gesellschaft. Auf dem blankpolierten Parkett ergäbe sich das Spurenbild all seiner Schritte und Pirouetten, Arbeitswege und Warteräume, wenn er auf den Tisch zu trat, die Karte reichte, die Bestellung aufnahm, eine Bewegung, fest und für sich allein. Die Kraft, alles genau zu tun. Die Zerlegung der Speisen auf dem guéridon, dem Anrichtetisch. Sein Ernst und sein Schweigen machten daraus etwas Würdevolles. Er schritt schneller, hüpfte und schwebte fast, seine Drehungen hatten etwas rhythmisch Anmutiges, er wandte sich um, nahm aus dem Unsichtbaren ein Ding, stellte es an seinen richtigen Platz, rückte hier an einem Besteck, gab Feuer, reichte den Wein, tischte auf, tischte ab ohne die Bewegung zu unterbrechen, als ob sie sich verselbständigt hätte, er schob den Stuhl zur Seite, half dem Gast sich zu erheben, brachte Hut und Mantel. Er blickte auf den Tisch, sah das gebrauchte Geschirr, das verschobene Besteck, das umgestürzte Glas, die beschmutzte Serviette. Das liegen gelassene Leben. Nicht dass er sich jetzt hingesetzt hätte, sich auszuruhen! Das Bankett war vorüber. Er war nicht geladen gewesen. Stattdessen würde er sich ans Abräumen machen, den Tisch wieder vorbereiten. Doch niemals hätte sich mein Vater, der Kellner, die Frage gestellt, ob er lebe um zu arbeiten, oder ob er arbeite um zu leben. Solche Sinnfragen standen ihm ferne, waren in seinen Augen philosophische Spitzfindigkeiten. Er nahm das Leben hin. «Jeder an seinem Ort!» pflegte er zu sagen. Mise en Place. Hermann Wischnat Ein komisches Gedicht? as ist das Komische am komischen Gedicht? Ist es etwa das Humorvolle, das Satirische? Aber Vorsicht, wir sind im Begriff, der Frage mit weiteren Fragen zu begegnen. Komik ist, Lexiken folgend, der Wortbedeutung nach vom griechischen Komos, Festzug, abgeleitet. Sie hat heute die Bedeutungsbreite von erheiternd, kauzig über unbeholfen, lächerlich bis sonderbar, befremdend. Sie erzielt diese Wirkung durch Abweichung vom Normalen, vom Gewohnten. Komik kann gewollt erzeugt werden, sich aber auch ungewollt ergeben.Das Gewohnte läuft in Regeln ab. Das Ungewohnte überrascht und irritiert die Regelerwartungen. Der Komikrezipient erwartet solche Überraschungen und Erwartungstäuschungen, um seinen Spaß oder seine Freude daran zu haben. Und der Komiker ist der Darsteller der Überraschungen und Erwartungstäuschungen.In welchem Verhältnis zueinander stehen nun Komik und Gedicht? Zur Veranschaulichung wage ich einen praktischen Versuch: modern learning oder Die Sprache als Schule Unsere Schuleist eine coole, die, wie du weißt, stetig Anglizismen machen tut. Da ist sie gut. Das bringt uns Wellness mit größter Schnellness in unsre Schule. Solch eine Kuhle! Signalisiert wird modernes Lernen in einer Schule. Bei genauerem Hinsehen ist als Schule die Sprache gemeint, die zur gespielten allgemeinen Zufriedenheit sehr zügig und nüchtern Anglizismen zeugt und vermittelt. Formal zeigt sich der Text als zweistrophiges Gedicht in Paarreimen, die Verse regelmäßig in daktylischem Auftakt (-vv-). Allerdings ist zwischen die beiden Strophen ein Einzelvers geschaltet, choriambisch (-vv-): „Da ist sie gut“. Und diese auffällige Zeile reimt sich mit dem vierten Vers („stetig Anglizismen machen tut“), der aus der Reimerwartung (auf „weißt“) herausfällt und als einziger metrisch als fünfhebiger Trochäus gefasst ist. Der dritte Vers, der Wissen signalisiert, steht unvermutet reimlos (und orientierungslos?) da. Und die beiden formalen Ausnahmeverse reimen sich unversehens auf „tut“ und „gut“. Zum Schluss schert der letzte Vers als einziger aus der Linksbündigkeit in Richtung Rechtsbündigkeit aus. Warum? - Er schließt als Lautgestalt den Rahmen zu den beiden Eingangsversen und vermittelt als Schlussaussage Nüchternheit und Souveränität, wie man das heutzutage von dem Anglizismus „cool“ erwartet. Jedoch über das Auge wahrgenommen, lenkt der Vers die Vorstellung in eine andere Richtung („Kuhle“). Oder nur ein Rechtschreibfehler? Das Schweben und die Mehrdeutigkeit zeigen sich überdies darin, dass die letzte Strophe alternativ auch in Jamben (v - v - v) gelesen werden kann.Wenn der Text ein komisches Gedicht sein will, stellen sich auf diesen Anspruch bezogene Fragen:Bringen Inhalt und Form Abweichungen vom Gewohnten? Ist die Spannung für heutiges Komikverständnis stark genug? Überraschen Gedankenlauf und Ergebnis hinreichend? Lacht beim Anglizismenthema heute überhaupt noch jemand? Weist das Komische hier in Richtung des Humors, der sich als ein heiteres Verstehen der Unvollkommenheiten unseres Lebens zeigt? Oder eher in Richtung Satire, die kritisch und verfremdend an ein Zeitthema herangeht, um es gezielt zum Besseren zu ändern? Oder weist hier die Komik gar in Richtung Groteske, die den aktualisierten Gegenstand als ausweglos verfahren und verloren ansieht?Je nach „Komiksozialisation“1und Gedichtverständnis der Leserinnen und Leser dürfen unterschiedliche Reaktionen auf diesen Text und unterschiedliche Antworten auf diese Fragen erwartet werden. Wie breit die Komik als Humor und Satire heute verstanden wird, belegt beispielsweise Friedhelm Hamann an Beiträgen zum Wilhelm-Busch-Preis. Sie sind „grotesk, abgründig, makaber, anstößig, bissig und dann wieder ulkig, brav, bestätigend, sympathisch, leichtsinnig, verspielt. ... Was einem als hintergründiger Humor erscheint, hält der andere für eine Banalität.“2 Nicht zu übergehen sind als allgemeine Aussagen Robert Gernhardts zehn Thesen zum komischen Gedicht.3Einige Stichworte seien genannt:Das komische Gedicht „zielt auf das Lachen ab“, erschöpft sich aber nicht darin. Es „braucht die Regel“ und „bedarf der Inspiration“. Es ist einerseits „zeitverfallen“, andererseits „haltbar“ und „ist der Königsweg zum Lachen“. Wenden wir uns einem zweiten Text zu. Zukunft 2 Ein junger Hund ist leichter zu händeln als ein Kind. Er wächst schneller heran und gehorcht besser. Er muss zudem nicht aufs Gymnasium. Allerdings gibt es bis jetzt immer noch kein Welpengeld. Auch sollte man dem Tier zuliebe (Tierliebe) die Hundesteuer regelmäßig zahlen. Die Frage - Hund oder Kind - will alsoüberlegt sein. Aber unter dem Strich kommt man mit einem xxnd - doch, doch besser zurecht. Die Aktualität des Themas kann niemand bestreiten (oder doch?). Ist es zeitgemäß gestaltet? Überzeugen formal die drei je fünfzeiligen freiversigen Strophen? Der Leserhythmus wird von Zeilenbrüchen bestimmt, sofern der Leser sich auf sie einlässt. Inhaltlich wird zunächst bei der Frage „Hund oder Kind“ der Hund favorisiert. Fallen die Argumente aus dem Erwartungsrahmen? Nur scheinbar? Birgt die Entscheidung „xxnd - doch, doch -“ ein für Komik hinreichendes Überraschungsmoment? Ist der Text insgesamt verständlich?4Was soll in diesem Gedichttitel die „2“? Ist der Textinhalt überhaupt zum Lachen?Wirken der Ton, die Atmosphäre zu hart oder zu weich? Allgemein erwartet man heutzutage angeblich eine raue Gangart. Der Humor sollte „grotesk sein oder böse - am besten beides“, und das gerade bei der jungen Generation, bzw. für die junge Generation.5. (Strasser ... ) Oder sollte Komik auch - oder gerade besonders - Freiraum für Freude schaffen, die über den spaßigen Augenblick hinausweist? Ein drittes und letztes Beispiel: Abfälle Elläf ba Elläf ba Elläf ba ba! ba! ba! Elläf ba10 Das Gedicht besteht aus einem Wort, mit dem lautlich durch die Umkehrung der Leserichtung, durch die Verselbständigung der Silbe „ab/ba“ und durch die Setzung dreier Rufzeichen gespielt wird. Ein Kindergedicht (?) und im übrigen methodisch nicht neu. Aber ergibt „UnSinniges“ hier nicht doch „GegenSinniges“?7Stellen Sie sich vor, irgendwo (Familie, Büro?) heißt es bei Unaufgeräumtheiten augenzwinkernd: „Elläf ba“. Und es wird ohne Aufhebens(?) gehandelt. Bei aller Vielfalt des Erscheinungsbilds der Komik fußt sie im Grunde auf wenigen - freilich geschickt zu variierenden - Grundelementen, als da z. B. sind: „Das Spiel mit dem Tabuierten und dem Unbewussten, die überraschende Zusammenführung kontrastierender Ebenen, die Nichterfüllung einer zuvor gezielt aufgebauten Lesererwartung, die planvolle Einrichtung erzählerischer Lücken ...“.8Zu beachten ist der thematisch unterschiedlich schnelle Wechsel von Komikmoden im Verbund mit Gewohnheiten und Erfahrungen. Denn nur aus gleichem Verstehen heraus können Menschen über das Gleiche lachen. - Das ist aber gleichmachend nicht einforderbar, glücklicherweise. Also: „Das Komische schlechthin gibt es gar nicht. Was der eine komisch findet, kommt dem anderen vielleicht gar nicht komisch vor ...“9Ja, wenn das so ist, sollte jeder von uns nun aber gerade mit eigenen Gedichten Komik probieren. Viel Erfolg und Freude! |