Start

Über uns

Mitglieder

Auszeichnungen

IGdA-Aktuell

Titel

Inhaltsverzeichnisse

alte Heftausgaben

Beiträge

Aus Schriftstellers Handwerkskasten

Was ist eigentlich...

Redaktion

Abobestellung

Termine

Neues

Edition IGdA

Weblog

Feuilleton

Service

Was ist eigentlich...?




Sprachuebungen für Anspruchsvolle
von Horst Dinter

EIGENTLICH

Sprachübungen für Anspruchsvolle


Sie alle sind anspruchsvoll. Sonst wären Sie nicht Mitglied in der IGdA und läsen diese Zeitschrift nicht.
   Sie wissen viel von vielgelesenen Autoren. Nun kann man heute schon ein vielgelesener Autor werden, ohne dass man sich mit der Sprache besonders viel Mühe gibt; - oder eben deswegen! Wenn Sie so ein "Vielgelesener" wären, brauchten Sie nicht in der IGdA zu sein. Wir mühen uns noch - nein - nicht mit, sondern um die Sprache. Dass sie sich im täglichen Gebrauch abnutzt, ist wohl unvermeidlich. Dafür wird einfach zu viel gesprochen. (Frank würde sich an Handke anlehnen und von einer "fürsorglichen Belaberung" reden.) Gegen das Abnutzen hilft Aufputzen. (Gegen Verwilderung hilft nichts mehr!)
   Bleiben wir beim Aufputzen.
   Sie haben recht: das ist (eigentlich) falsch. Putzen genügt. Und damit haben Sie ein Beispiel dafür, was die Reihe "Was ist eigentlich …?" will. Große Fehler machen wir alle schon langst nicht mehr. Die kleinen sind vielleicht noch nicht einmal ärgerlich.
   Aber schöner wäre es ohne sie!
   Ich werde versuchen, in unseren Übungen den Humor so hoch wie möglich zu halten, denn auch ganz ernste Arbeit soll Spaß machen. (Überlegen Sie bitte, ob "Ernst" und "Spaß" wirklich einen Widerspruch darstellen.)
(Übrigen: auf "einfach" (Zeile 12) werden wir in dieser Reihe noch zurück kommen.)




Was ist eigentlich

EIN ESSAY?

Oft reicht es, einfach nur ein "ableitendes Wörterbuch"/eine Etymologie nach der Herkunft eines Begriffs zu befragen, wenn man etwas über seine Bedeutung und seine Form erfahren will. Da steht dann zum Beispiel unter Essay: "Knappe, allgemein-verständlich-literarische Abhandlung über einen wissenschaftlichen Gegenstand". Dabei darf "Wissenschaft" sehr weit gefasst werden - und dann nennt sich die Auseinandersetzung mit der Kunst "Kunstwissenschaft" und die mit der Politik "Politikwissenschaft" (obwohl beide Gegenstände solcher "Wissenschaft", die Kunst und auch die Politik, mit Wissenschaft wenig zu tun haben).
   Das Essay selbst soll jedenfalls eine literarische Kunstform bleiben.
   (Merkwürdig ist übrigens, dass Sach- oder Fachbücher über Literatur, von L. Reiners "Stilkunst" bis zu W. Schneiders "Deutsch für Kenner" fast nichts über Essays zu berichten wissen.)

Aber bleiben wir zunächst bei der Herkunft des Begriffs. Dabei stoßen wir auf das (lat.) wägen/abmessen/prüfen ... (exagium) und stellen verblüfft fest, dass auch das schon eine ziemlich freie Ableitung von ex = aus/heraus und agere/igere = treiben, also von heraustreiben ist. Natürlich, wenn sich etwas mit dem Wissen, mit jeglichem Wissen befasst, dann sind das Abwägen und das Prüfen besonders wichtig, denn das schafft die sichere Grundlage, auf die sich das Wissen berufen kann (- und damit auch der Essay). Fiktionales hat in einem Essay kaum einen Raum.

Montaigne (um 1580) hat in seinen Abhandlungen zu Wissenschaft und Philosophie die Kunstform des Essays geschaffen und damit den Begriff "festgeschrieben". Seine Essays sind auch heute noch uneingeschränkt lesenswert. Sie sind es seit mehr als vierhundert Jahren.

   Und heute?

   Wahrscheinlich ist das Lesen von Essays wichtiger als je zuvor, nämlich als "knappe, allgemein-verständliche Darstellung". Die Wissenschaften (alle!) haben sich so weit in unüberschaubar verzweigte Fachgebiete (weiter-)entwickelt, und sie haben dazu eine so schwierige Fachsprache entworfen, dass sie vielfach nur noch der Fachmann verstehen kann. Dabei bleibt es notwendig, dass große Wissensbereiche weiterhin von Laien verstanden werden, damit auch Laien wenigstens noch Fragen an die Wissenschaft stellen können. Also wären die Bücher - ich nenne sie in der Reihenfolge ihres Erscheinens - des C. W. Ceram über die Archäologie, des H. Kühn über die Astronomie und des H. von Dithfurt über einen ganzen Strauß wichtigen Wissens eigentlich groß geratenen Essays, wenn wir damit nicht unserer Eingangsdefinition widersprächen, in der eine "knappe" Darstellung verlangt wird.

Schauen wir bei Cerams Bestseller einmal genau hin. Er fängt mit einem Titel an, der auf Wissenschaftlichkeit nicht schließen lässt: "Götter, Gräber und Gelehrte"; im Stabreim, aber begrifflich nur mühsam zueinander zu ordnen. Und einen der ersten Höhepunkte bei seiner Darstellung erreicht er mit einem (Un-)Wissenschaftler, mit H. Schliemann, der nicht nur die Wissenschaftler seiner Zeit zum Widerspruch herausforderte, sondern auch die herrlich lockere Darstellung eines ungewöhnlichen Geschehens erlaubte. Ceram nennt sein zu groß geratenes Essay den "Roman der Archäologie", wohl weil das überhaupt nicht Romanhafte seines Themas wie ein Roman vorgestellt wird. Mit seiner Allgemein-Verständlichkeit entspricht sein "Roman" jedenfalls den Bedingungen für essayistische Darstellungen.

Essays lassen da und dort auch ein wenig Humor zu; ebenso Gegenbeispiele, wenn sie einen Sachverhalt besonders deutlich werden lassen. Und der Humor versteckt sich am besten in sorgfältig gewählten Metaphern. Alles das lockert den oft ein wenig trockenen (wissenschaftlichen) Stoff auf und macht ihn lesbarer - und wenn der Leser über das Essay auch noch den Zugang zu streng wissenschaftlicher, ins Detail gehender Darstellung gewinnt, hat der Essayist mehr erreicht, als er zu hoffen wagen durfte. Das Essay als Appetitanreger!

Was denn nun: das Essay oder der Essay? Beides ist richtig.

   Wenn Sie jetzt noch nach einem Beispiel für ein Essay fragen, dann lesen Sie bitte diesen kleinen Aufsatz noch einmal von vorne. Er ist schon beinahe ein richtiges, sehr knappes Essay.

   (aus Heft 1/2003)




Wann ist einfach
einfach?


"Einfach" ist vor allem ein Sprechfehler. Beim Schreiben kommt er seltener vor.
   Die Gegenbegriffe "mehrfach" oder "vielfach" allerdings werden auch beim Sprechen seltener verwendet.
   Warum?
   "Dann habe ich einfach …" / "Da muss man einfach …" - Es gibt kaum eine Wendung, bei der "einfach" nicht mit-gesagt werden kann. Mit-gemeint ist es dabei kaum. Nun benutzen wir ja beim Sprechen öfter Wörter, sogar ganze Wendungen, die uns ein bisschen Zeit zum Weiter-/Nach-Denken verschaffen sollen, wenn wir mit der "Verfertigung der Gedanken" (H. v. Kleist) noch nicht ganz zu Ende gekommen sind. Ist "einfach" so ein "Zeit"-wort?
   Vielfach schon, - - schade!
   Denn was bedeutet "einfach"?
   "Mühelos", "unkompliziert" wie in unserer ersten Wendung ist eine ziemlich späte Sinngebung. Ursprünglich und im Gegensinn zu "vielfach" und "mehrfach" hieß es nur "einmalig" und war gleichbedeutend mit "einfältig". Weil sich "einfältig" zu "töricht" / "arglos" weiter entwickelt hat und "einfältig" für "schlicht" (auch im Denken) stehen kann, begegnen sich beide Begriffe am Ende wieder. Mit seiner Mehrfachbedeutung "schlicht" / "ungekünstelt" / "mühelos", auch "einmalig" und sogar "ganz offensichtlich" kann "einfach" unsere Sprache recht bequem machen. Wir sollten es dennoch durch gedankenlosen Missbrauch nicht abwerten.
   Und wenn ich behaupte: "So, wie 'einfach' zumeist verwendet wird, stimmt es einfach nicht!", dann ist dieser ganze Satz falsch, denn es stimmt mehrfach nicht.

   (aus: Heft 2/2003)




Was ist eigentlich

-WEISE?




Nun, weise ist es nicht und sprachlich ungeschickt, an allerlei Begriffe noch -weise anzuhängen: interessanterweise, freundlicherweise, möglicherweise, verständlicherweise ... fatalerweise.
Wie verständlich (- oder verständlicher?) sind Wörter, die durch -weise "veredelt" werden? - oder hat -weise etwa gar nichts mit "weise" zu tun, mit dem oder der Weisen?
Natürlich nicht! Vielmehr leitet es sich von jener "Beschaffenheit" her, die bei der Verbindung "Art und Weise" sogar doppeltmoppelt - und weist (noch einmal) auf die Besonderheit des Wortes hin, dem es angehängt ist. Vielleicht verstärkend, verdeutlichend?
Eigentlich aber überflüssig (- oder überflüssi-gerweise?) und jedenfalls sprachlich unschön.