Nachwuchspreis der IGdA



SIEGERGESCHICHTE
DES 1. NACHWUCHSPREISES DER IGDA



Hannah König


GRAS


Als Kinder haben wir beide im Gras gelegen. Ich bin mit den Fingern durch dein schwarzes Haar gefahren, und du hast meine Lider geküsst und gesagt, dass du mich liebst.
Aber das ist tausend Jahre her, und jetzt sitzt du mir gegenüber, und deine blauen Augen sind so leer und kalt wie der See, in dem wir früher gebadet haben.
Ich will deine Hand nehmen, aber du ziehst sie weg. Kannst du dich nicht mehr erinnern? Weißt du nicht mehr, wie unsere Kleider nass waren, weil wir uns in den Morgentau am Waldrand warfen? Weißt du nicht mehr, wie das Gras an unseren Armen und Beinen klebte und wie scharfe Kanten deine Finger blutig schlitzten? Ich weiß es noch immer. Wie ich deinen Finger zu meinen Lippen führte und den Blutstropfen damit fing. Ich weiß noch, wie du schmeckst, wie du riechst, wie sich deine Haut anfühlt. Du hast all das vergessen.
Deine Augen starren kalt und blau, und deine Hand liegt verkrampft auf dem Tisch. Du willst et-was sagen, aber deine Lippen bleiben schmal und zusammengepresst.
Ich weiß noch, wie wir unsere Kleider ans Ufer warfen und das Wasser eiskalt gegen unsere Beine schlug, als wir uns hinein fallen ließen. Und als unsere Münder sich berührten, waren deine Lippen zart und sanft. Sie waren nicht schmal. Dein Gesicht war entspannt und glücklich. Jetzt siehst du starr und leblos aus … nichts ist mehr übrig.
Wir lagen im Gras, den Blick zum Himmel, der rötlich golden über uns hing und das Gras unter uns in schimmerndes Licht tauchte. Die Was-sertropfen perlten silbrig von deinem nassen Haar. Deine Augen waren tief und blau und die einzige Wahrheit, an die ich glaubte. Jetzt sind sie fremd und einsam. Ich erkenne dich nicht.
"Lass uns reden!", sage ich und versuche stark zu klingen, so, als wäre ich ebenso kalt wie du. Aber meine Stimme zittert, und ich weiß, dass meine Augen bläulich schimmern, als wollten sie wie unser See aus seinen Ufern brechen.
Du wendest dein Gesicht von mir ab. Aber du kannst dich nicht gegen das wehren, was gesagt werden muss.
"Es geht nicht mehr", presst du hervor und schweigst, als wären es die letzten Worte, die du jemals an mich richten kannst.
"Aber früher …", setze ich an und verstumme. Du hast den Kopf ruckartig in meine Richtung gedreht, und plötzlich liegt wieder Gefühl in deinen Augen: Hass. Wut. Angst? Ich weiß es nicht. Du bist mir so fremd.
Du willst nichts mehr von früher hören. Früher ist vorbei. Gestern soll gestern bleiben. Heute ist alles anders.
"Warum tust du mir das an?", flüstere ich.
Du schweigst. Dann atmest du tief ein, und ich denke daran, wie du die Pusteblumen aus meiner Hand geblasen hast.
"Ich möchte Kinder", sagst du schließlich, und ich versuche zu verstehen. Dann fange ich an zu lachen. "Kinder?", lache ich, "Kinder?"
Ich will Kinder mit dir. Das wollte ich immer. Ich lag auf dem Rücken im Gras und hielt deine Hand, und ich wollte, dass du der Vater meiner Kinder bist. Ich schwamm neben dir im See, ich küsste jede Stelle deines Körpers und ich wollte, dass du der Vater meiner Kinder bist.
Aber du lächelst nicht.
"Wir können keine Kinder miteinander bekom-men, und das weißt du. Es geht nicht. Du weißt, dass es nicht geht, verdammt."
Und der See läuft über und das Wasser quillt über die Ränder meiner Augen. Ich denke daran, wie wir im Gras lagen, wie du meine Tränen ge-trocknet und mich in deine Arme genommen hast.
Aber du stehst auf, drehst dich um, lässt die Tür hinter dir offen. Und du bist so fremd, dass ich nicht glauben kann, dass du mein Bruder bist.