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Wie reiche ich Texte ein?


Jutta Miller-Waldner




Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden.
Es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun!
GOETHE



Auch das Schreiben erfordert bei aller Phantasie Formalia, die Sie einhalten müssen, wenn Sie Ihr Werk gedruckt sehen wollen. - Und das wollen Sie doch, denn Sie sind überzeugt, dass Ihre Arbeit so gut ist, so lesenswert, dass man sie der Öffentlichkeit nicht vorenthalten dürfe. -
   Zuerst einmal: Kaufen Sie ein Verlagsverzeichnis und schicken Sie Ihr Manuskript (bei einem größeren Manuskript in einer Jurismappe, sonst geheftet) an den Verlag, der das für Sie passende Programm anbietet (kein Kinderbuch an einen Erotik-Verlag!). - Bedenken Sie aber, dass die Verlage Kurzgeschichten unbekannter Autoren kaum drucken. - Machen Sie sich über Literaturzeitschriften kundig. Deren Herausgeber bevorzugen oft unterschiedliche Stilrichtungen, veröffentlichen themengebundene Hefte oder ausschließlich Texte ihrer Abonnenten. Publikumszeitschriften greifen auf ihren festen Autorenstamm zurück. Einzelne Autoren haben kaum eine Chance, da die Zeitschriften lieber nur einmal mit einer Agentur abrechnen. Sollten Sie auf Ihr Glück bauen, so nach dem Motto "Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn", müssen Sie ausrechnen, wie viele Zeichen Ihr Manuskript überhaupt betragen darf. (Bitte verschicken Sie an Herausgeber von Literaturzeitschriften keine gehefteten Manuskripte, da der Redakteur die Klammern für das Scannen mühselig entfernen muss und dabei seine Fingernägel riskiert).
   Ganz schlaue Köpfe versuchen, ihre vierzig Seiten lange Geschichte zu komprimieren und wählen eine 8-Punkt-Schrift und einen einzeiligen Abstand ohne Rücksicht auf Ränder. Deshalb wurden die folgenden Vorgaben erfunden. Sie sind keine Schikane der Nichtschreibenden, sondern der Lektor kann sofort erkennen, wie viele Druckseiten Ihr Manuskript ergibt, und die Buchkosten kalkulieren. (Geben Sie deshalb am Schluss des Manuskripts die Zeichenanzahl an.) Diese Angaben gelten ebenso für Ausschreibungen. Auch der Juror ist nur ein Mensch. Er wird ein übersichtliches, nach allen Regeln der Kunst gestaltetes Manuskript eher beachten als eines, das schlecht lesbar ist - bei dem er annehmen muss, dass der Autor so liederlich schreibt, wie das Manuskript aussieht. Vermutlich wird er es bis zum Schluss aufheben und dann so viele Texte gelesen haben, dass er es, selbst wenn es gut geschrieben ist, nicht mehr positiv bewertet. Auch wenn über den Sinn und Unsinn von Normseiten heiß diskutiert wird, sollten Sie sich doch besser an die Vorgaben halten. Sie wollen ja schließlich gedruckt werden oder einen Literaturpreis erhalten.
   Noch ein Wort zu Ausschreibungen: Halten Sie unbedingt die Vorgaben ein. Wenn eine Normseite (also 30 Zeilen à 60 Zeichen) verlangt wird, dann schreiben Sie 1800 Zeichen auf eine Seite. Wenn acht Seiten verlangt werden, dürfen Sie nicht neun einschicken, auch wenn auf der neunten Seite nur zwei Zeilen stehen. Da hilft nur eines: kürzen! (Das ist, wie Sie inzwischen als Experte wissen, der Sie sind, nachdem Sie dieses Buch durchgearbeitet haben, bei fast allen Texten eh angebracht). Halten Sie sich unbedingt an das Thema. Und wenn Schlüsselwörter verlangt werden, die im Text berücksichtigt werden sollen, dann verwenden Sie sie. Denken Sie nicht, dass Sie diese Vorgaben nicht nötig haben, weil Ihre Texte so überragend sind, dass sie preisverdächtig oder druckreif sind. Andere Autoren schreiben mindestens ebenso gute Texte, und die Einreichungen für Wettbewerbe oder Anthologien gehen in die Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Texte, die den Vorgaben nicht entsprechen, werden gar nicht erst angeschaut. Und der Herausgeber einer Lyrikzeitschrift wird bei den vielen Einsendungen eher ein Gedicht abtippen oder scannen, das gut lesbar ist (und das nicht zu lang ist - aus Platz- und Layoutgründen kann er es meist nicht berücksichtigen). Sie ersparen, wenn Sie sich an die Vorgaben halten, den zuständigen Leuten viel Ärger und Mühe. Bedenken Sie, dass sie meist ehrenamtlich arbeiten.
  • Tippen Sie einseitig auf weißes Papier (Größe DIN A4) und nicht auf Umweltschutzpapier - es lässt sich schlecht kopieren -, auch nicht auf gelbe, grüne oder rote, mit Bildchen oder Rosenmuster versehene Blätter. (Dass Sie Ihre Romane, Kurzgeschichten und Gedichte nicht handschriftlich einreichen, seien sie kalligrafisch noch so schön gestaltet, ist selbstverständlich.)

  • Wählen Sie bei Computern die Schriftart Courier oder eine andere Schreibmaschinenschrift (Schriften, bei denen die einzelnen Buchstaben den gleichen Abstand behalten) mit Schriftgröße 12. (Manche Verlage schreiben Arial vor.)

  • Tippen Sie nicht kursiv. Falls Ihr Text digitalisiert werden soll, kann der Scanner kursive Schrift schlecht lesen.

  • Vermeiden Sie zum Hervorheben von Textstellen die Optionen fett, Unterstreichung, Sperren und benutzen Sie möglichst keine Großbuchstaben. - Möchten Sie sie dennoch verwenden, benutzen Sie nicht die Umschalttaste, sondern die Funktion Groß- und Kleinschreibung (wer bezahlt bei einer Änderung das manuelle Umwandeln in Kleinbuchstaben?) - Zu viele unterschiedliche Hervorhebungen ermüden den Leser (und auch beim Layout gilt: Weniger ist mehr). Möchten Sie des besseren Verständnisses wegen etwas hervorheben, so unterstreichen Sie es. Der Drucker setzt diese Stellen kursiv. Doch seien Sie sparsam: Hervorhebungen erhöhen die Satzkosten. Wenn Sie Ihr Manuskript auf Diskette oder als PDF-Datei einreichen, so dass es nicht gesetzt werden muss, schreiben Sie diese Passagen kursiv. Allgemein gilt jedoch: Vermeiden Sie diese formalen Elemente, heben Sie Gedanken, innerliche Schreie, Schlüsselwörter nicht hervor. Vertrauen Sie Ihrem Leser: Er wird diese Sätze oder Wörter verstehen. Er möchte sich nicht als Dummchen verstanden wissen, das ohne diese Hilfsmittel Ihre Geschichte nicht versteht. Einzige Ausnahmen können Ausschnitte aus Briefen oder Tagebüchern sein.

  • Eine Normseite hat 30 Zeilen à 60 Zeichen (einschließlich Leerzeichen) mit 1 1/2 Zeilen Abstand (wobei jede Leerzeile als eigene Zeile gilt). (Damit Sie bei Courier nicht lange tüfteln müssen: Seitenränder links 3,2 cm, rechts 3 cm, oben 5,5 cm, unten 5 cm.) Absätze werden durch eine Leerzeile getrennt. Rücken Sie nicht ein, sondern beginnen Sie immer am Anfang der Zeile. Ob Sie mit Flatterrand (die Zeilen bleiben am rechten Rand unterschiedlich lang), oder bündig (die Zeilen sind gleich lang) schreiben, bleibt Ihnen überlassen.

  • Bedenken Sie, dass jeder Lektor ein Gespür für das Layout hat und jedes Detail erkennt. Er sieht, wenn zwischen zwei Wörtern zwei Leerzeichen stehen, ja, manche Lektoren können sogar sagen, ob Bilder ein oder zwei Millimeter verschoben sind. Da Sie es zuerst mit ihnen zu tun haben, müssen Sie sich bei der Gestaltung Ihres Textes besondere Mühe geben. Betrachten Sie das nicht als "Korinthenkackerei". Da so manch einer denkt, dass er der künftige Nobelpreisträger ist, weil er einen Stift halten kann und das Alphabet beherrscht, gibt es viel zu viele Autoren, und die Verlage können sich aussuchen, wen sie drucken. Lektoren müssen, da sie unter Stress stehen, schon nach einer halben Seite die Qualität des Textes erkennen. Und wenn der Text nicht den Standards entspricht, lesen sie noch nicht einmal diese halbe Seite.

  • Und: achten Sie auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Wir können an dieser Stelle aus Platzgründen nur auf einige typische Fehler eingehen:
    -> Du und euch werden nicht groß geschrieben, dagegen die Anrede: Sie und Ihnen.
    -> Vor einem Satzzeichen, auch vor Ausrufungszeichen, Fragezeichen und Anführungszeichen, steht kein Leerzeichen (außer bei den drei Punkten …), nach den Satzzeichen jedoch immer.
    -> Verwenden Sie nicht das Minuszeichen - als Gedankenstrich (Spiegelstrich), sondern das Zeichen -. Der Langstrich - wird nur im Englischen gebraucht.
    -> Anführungszeichen erscheinen in einem vollständigen Satz nach dem Punkt, in einem unvollständigen davor, ansonsten immer vor dem Komma, Doppelpunkt oder Semikolon.
    -> Das Genitiv-"s" wird nicht durch ein Apostroph getrennt. Es ist nicht Ruth's Erzählung, sondern Ruths Erzählung. Benutzen Sie für das Apostroph immer das Zeichen ' und nicht das Zeichen für accent de grave: ` (nicht Hans` Erzählung sondern Hans' Erzählung).
    -> Dass Sie die Groß-/Kleinschreibung beachten, ist selbstverständlich.
    -> Wenn nicht anders angegeben, wird die neue deutsche Rechtschreibung verlangt.
Für ein vorbildliches Manuskript gelten auch die folgenden Regeln:
  • Schreiben Sie auf jede Seite die Seitenzahl. Oder soll es Ihnen wie der hoffnungsvollen Schriftstellerin ergehen, die einen Fünfhundert-Seiten-Roman an einen Verlag schickte? Die Sekretärin, die die eingehenden Texte vorab sichtete (das ist oft die Aufgabe von Sekretärinnen oder studentischen Hilfskräften!), war so glücklich, endlich die begabte deutsche Schriftstellerin, auf die wir schon solange warten - Verleger suchen nach dem Bestseller wie Kapitän Ahab nach dem weißen Wal - entdeckt zu haben, dass sie sich den Packen schnappte, zur Lektorin eilte, stolperte und das Manuskript fallen ließ. Die Seiten flatterten zu Boden, nur - die Autorin hatte die Seitenzahlen vergessen … Die seit Jahren gesuchte, hochbegabte deutsche Schriftstellerin blieb unentdeckt. Nebenbei bemerkt: von tausend Manuskripten, die unaufgefordert bei einem größeren Verlag eingehen, wird höchstens ein Manuskript gedruckt.

  • Schreiben Sie auf jede Seite Ihren Namen, die vollständige Adresse und den Kurztitel. Bei dem Berg von Manuskripten, die die Verlage täglich erhalten, landen die Begleitbriefe meist im Papierkorb. Sollten sie doch aufgehoben werden, kann das Vergleichen der Schriften auf namenlosen Manuskriptseiten mit denen auf den Briefen eine Detektivarbeit bedeuten. Und schreiben Sie Ihren Vornamen aus! Der Lektor möchte wissen, ob sich hinter M. Müller ein Manuel oder eine Manuela verbirgt.

  • Schreiben Sie jedes Gedicht einzeln auf ein weißes DIN-A4-Blatt und nicht auf Schmierpapier, auf Karopapier oder auf Vorder- und Rückseite. Sie lieben Ihr Gedicht, also geben Sie ihm den Rahmen, den es verdient. Versehen Sie Gedichte, die länger als eine Seite sind, mit Seitenzahlen. Schreiben Sie den Begleitbrief auf eine eigene Seite.

  • Schicken Sie nicht den fünften Durchschlag ein: Scanner können ihn schlecht erfassen (auch normale Augen bekommen damit Probleme). Verschicken Sie einen Ausdruck oder eine erstklassige Fotokopie (keine Kopie auf Fax-Papier). - Bedenken Sie, dass die Verlage oder Zeitschriftenredaktionen so viele Manuskripte erhalten, dass sie aus Zeitgründen, selbst wenn Rückporto beiliegt, oft die Manuskripte nicht zurückschicken können. - Falten Sie Ihr Manuskript nicht, um Portokosten zu sparen; versenden Sie es in einem DIN-A4-Umschlag.

  • Dass die Seiten keine Fettflecken oder andere Zeugnisse des Gebrauchs und der Text keine handschriftlichen Änderungen enthalten dürfen, müssen wir wohl nicht betonen.

  • Zahlen werden ausgeschrieben, auch die Jahreszahlen (zweitausendvier statt 2004). Nicht 10 Fehler bedeuten, dass das Manuskript abgelehnt wird, sondern zehn Fehler … Und Maria besitzt nicht etwa zweiunddreißig Paar Schuhe, sondern etwa dreißig Paar Schuhe - etwa bedeutet eine ungefähre Zahl. Die Schuhe kosten auch nicht cirka 99,59 Euro, sondern circa hundert Euro (da circa ebenfalls nicht in einen literarischen Text gehört, schreiben Sie stattdessen rund).

  • Abkürzungen werden ebenfalls ausgeschrieben: und so weiter, zum Beispiel, das heißt, Euro statt EUR oder €. Schließlich schreiben Sie keinen Gesetzes-, sondern einen literarischen Text. Auch in Sachbüchern sollten Sie keine Abkürzungen verwenden. Grundsätzlich aber sollten Sie diese Wörter vermeiden. Der Gebrauch von das heißt weist meist darauf hin, dass der Autor unfähig ist, sich sofort klar auszudrücken. Oft führen Abkürzungen auch zu Pleonasmen: z. B. darf nicht zusammen mit u. a. oder usw. verwendet werden. Beziehungsweise sollten Sie in einem literarischen Text ebenfalls nicht schreiben, in anderen Texten nur dann, wenn es sich tatsächlich um zwei verschiedene Bezüge handelt. Verwenden Sie und beziehungsweise (hier ist es richtig) oder. Wenn Sie schreiben Morgen regnet beziehungsweise schneit es, stürzen Sie den Leser, zumindest den, der noch gutes Deutsch spricht, in ein ergebnisloses Suchen nach im Text genannten Wetterprognosen, die dazu führen könnten. Ein Zeuge kann sagen: Das Auto des Täters war blau oder grau. Sie können aber nicht sagen, dass Sie einen Jaguar und einen BMW besitzen, die blau oder grau sind. Hier müssen Sie schreiben, dass sie blau beziehungsweise grau sind.

  • Viele Verlage verlangen zusätzlich zu dem Ausdruck die Datei auf einer Diskette oder als Attachment zu einem Mail. Dafür gelten dieselben Regeln: Layouten Sie nicht Ihren Text, wenn das nicht ausdrücklich verlangt wird. Wenn Sie mit dem Schreiben Geld verdienen wollen, müssen Sie sich, auch wenn es Sie vor der Technik graust und Sie die Anschaffungskosten scheuen, einen Computer kaufen und sich in MS-Word einarbeiten - selbst Autoren von Heftchenromanen kommen um diese Investition nicht herum. Das Abtippen und Korrekturlesen des Getippten ist meist ein zu hoher finanzieller Aufwand für die Verlage. Auch das Scannen kostet Geld, da die Worterkennungsprogramme nicht alle Wörter fehlerlos erkennen. Die meisten Verlage arbeiten mit Word, benutzen Sie also nicht Word-Perfect oder ein anderes Textverarbeitungsprogramm. Erkundigen Sie sich vorher, welche Word-Version benutzt wird. Nicht jeder Verlag hat die neueste Version, so dass er Word 2001 zum Beispiel nicht öffnen kann. Oft wird jedoch ein plattformunabhängiges Format wie RTF verlangt, weil bei Word die Virengefahr zu groß ist.
Begleitbrief und Anlagen

Im Begleitbrief geben Sie viel von sich selbst preis, denn der Verlagsmitarbeiter, der Ihren Brief liest, achtet besonders auf den Stil. Wer keine guten Briefe schreibt, schreibt auch keine gute Prosa. "Sehr geehrte Herren" landet im Zeitalter der Gleichberechtigung im Papierkorb. Schreiben Sie also "Sehr geehrte Damen und Herren". Eine Empfehlung: finden Sie den Namen des Geschäftsführers des Verlages heraus und sprechen Sie ihn persönlich an. - Das ist auch ein Trick, um zu suggerieren, dass Sie das Manuskript nicht unverlangt einschicken. - Achten Sie auf Tipp-, Rechtschreib- und Grammatikfehler nicht nur in Ihrem Text und schreiben Sie auf einem weißen Briefbogen.
Präsentieren Sie Ihr Werk und arbeiten Sie die Verkaufsstrategie sorgfältig aus, damit sich der Lektor gerade für Ihr Werk begeistert. Denken Sie an die großen W: Was ist das Genre? Wer ist die Zielgruppe? Was ist das Einmalige an meinem Werk? Warum soll gerade dieser Text veröffentlicht werden? Seien Sie nicht detailverliebt, der Brief darf nur eine Seite betragen. Gehen Sie auf Ihre Erfahrungen mit dem Schreiben ein.
Versetzen Sie sich in die Rolle des Mitarbeiters, sagen wir, Herrn Frustri, der Ihren Begleitbrief liest. Vielleicht ist er müde, vielleicht hat er bald Feierabend, vielleicht ist es der fünfzigste Begleitbrief, den er an diesem Tag liest, und achtundvierzig Briefe waren eine Katastrophe. Am liebsten also würde Herr Frustri Ihr Manuskript ins Ablagekörbchen "Abgelehnt" (oder "Mist" oder gar in den Papierkorb) werfen, weil das weniger Arbeit macht (vielleicht hat der große Chef den guten Herr Frustri angeschrieen, weil er ihm oft unmögliche Manuskripte vorlegt). Aber warum schreibt Herr Frustri nicht mit rotem Stift "abgelehnt" auf Ihr Manuskript? - genau: er weiß, dass Sie sich Mühe gegeben haben. Und woher weiß er das? Genau: Ihr Begleitbrief war gut. Und was wird er nun tun? Er wird Ihr Exposé lesen, und wenn ihn auch das überzeugt, ist Ihr Text schon halb angenommen. Legen Sie also bei
  • das Exposé. Der Begleitbrief beschreibt den Autor, das Exposé das Buch. Es ist ein Verkaufstext, der auf maximal drei Seiten das Produkt, Ihr Werk, genau beschreibt. Es soll kein Klappentext sein oder eine Nacherzählung, sondern wie die Seite mit den technischen Details in einer Bedienungsanleitung. Herr Frustri, der Ihr Anschreiben offensichtlich überlebt hat, möchte auf einen Blick sehen, worum es in dem Text geht, ob es der hundertste Text zu dem gleichen Thema ist, wen Sie imitieren (Sie wissen, jeder Text baut auf einem anderen auf), ob Sie einen Helden oder Verlierer bieten und worum es überhaupt geht (der Plot). Welches Produkt bieten Sie an: eine Fantasygeschichte für frustrierte Hausfrauen, einen Science-Fiction-Krimi, in dem die Ferengi die Guten sind und die Vulkanier die Bösen, oder ein Märchen für Erwachsene, in dem die alte Frau am Schluss den jungen Prinzen heiratet und die hübsche Prinzessin in eine Wespe verwandelt wird. Der Schreibstil sollte mit Ihrer Geschichte übereinstimmen, um einen Eindruck von der Art Ihres Schreibens zu vermitteln - von dem, was den Leser erwartet. Herr Frustri möchte auch über die Struktur Ihres Wunderwerks informiert werden: Ist der Höhepunkt am Anfang und am Schluss oder in der Mitte, ist die Liebesgeschichte nur Beiwerk. Ein gutes Exposé, das schnell zum Punkt kommt, kurz, klar und übersichtlich ist und alles Wissenswerte bietet, zeigt, dass der Autor seinen Text und seine Leser kennt und dass er die Verkaufsargumente erkannt hat. - Sie haben Probleme, Ihr mit soviel Herzblut geschriebenes Werk bis auf die Grundmauern zu reduzieren und zum Verkauf anzubieten? Sicher finden Sie im weltweiten Netz oder bei Autorenvereinigungen einen Freund, der soviel Abstand zu Ihrem Text hat, dass er das gern für Sie tut. Sie können als Dank dessen Werk auf das Skelett reduzieren. Das übt auch für Ihre zukünftigen Bücher. - Auf jeden Fall möchte Herr Frustri wissen, wann und wo die Geschichte spielt und wer die wichtigsten Charaktere sind. Und vor allem: Wie ist der letzte Absatz? Wenn er gut ist, hat Herr Frustri Müdigkeit, Bauchweh und Hunger vergessen und stürzt sich auf die

  • Textprobe. Herr Frustri hat das Anschreiben überlebt, sogar Ihr Exposé studiert und möchte wissen, ob Sie das, was Sie in Ihrem Verkaufstext so erfolgreich dargestellt haben, überhaupt umsetzen können oder ob ein anderer Autor etwas Bestsellerverdächtiges daraus gemacht hätte. Er möchte wissen, wo die Stärken Ihres Werkes liegen (und wie Sie die Schwächen verbergen). Wählen Sie einen Auszug mit den besten Passagen: warum die Ferengi die Guten sind und die Vulkanier die Bösen, wie es kommt, dass die Prinzessin in eine Wespe verwandelt wird, oder mit der Katastrophe (das Raumschiff gerät in eine Anomalie, der hübsche junge Prinz erschlägt um ein Haar die wütend summende Wespe). - Nein, schreiben Sie nicht, dass der junge Prinz hübsch ist, das könnte Herr Frustri als kitschig und trivial empfinden und daraus schließen, dass der ganze Text kitschig und trivial ist (vielleicht weil Herr Frustri weder jung noch hübsch ist). - Sie können aber auch eine Textprobe mit dem Höhepunkt beilegen, wenn er nicht zuviel Hintergrundwissen verlangt: wie sich der junge Prinz und die alte Frau ineinander verlieben oder der Vulkanier einen Ferengi in die unendlichen Weiten des Universums beamt. Sie können einen Handlungsfaden herausgreifen oder aus mehreren Kapiteln einzelne Passagen nehmen und sie mit verbindenden Worten miteinander verknüpfen, um einen Handlungsfaden exemplarisch zu zeigen. Herr Frustri kann daraus erkennen, ob Sie die Fäden in der Hand haben oder den roten Faden verlieren, und ob Sie einen Handlungsbogen aufbauen und logisch durchhalten können. - Den Anfang werden Sie besser nicht beilegen. Er ist gerade bei Anfängern der schwächste Teil des Werkes (auch wenn Sie unser Kapitel über Anfänge gründlich studiert haben). - Herr Frustri möchte wissen, wie das Raumschiff, der Prinz und die alte Frau heißen, ob Sie Charaktere gut darstellen können, ob die Figuren ihrem Charakter gemäß agieren und ob die Sprache stimmt. Er möchte wissen, ob Sie überhaupt wissen, was Liebe ist, und darüber schreiben können, und vor allem, ob Sie etwas Neues schreiben. Da Herr Frustri nun endlich nach Hause eilen möchte, will er schnell noch wissen, ob das ganze Buch lesenswert sein wird und er es seinem Chef vorlegen kann, ohne dass der wieder ausflippt, er möchte also wissen, wie Sie schreiben. Zeit für Schachtelsätze oder für Redundanzen hat er nicht und auch keine Zeit, Sanskrit zu lernen oder im Fremdwörterbuch nachzuschlagen. Unnötig zu erwähnen, dass Herr Frustri auch nur ein Mensch ist und aus dem Bauch hinaus entscheidet. Er wird also Ihr Werk angewidert aus der Hand legen, wenn Sie das Rechtschreibprogramm Ihres Rechners nicht kennen, wenn Sie nicht genug recherchiert haben, ohne Absätze schreiben und nur die Kleinschreibung benutzen, auch wenn das zu Ihrer künstlerischen Identität gehört (was scheren mich Rechtschreibfehler, ich stehe über den Dingen; ich schreibe ohne Punkt und Komma, Absätze interessieren mich nicht; Groß- und Kleinschreibung gehören eh abgeschafft und sind spießig; wozu recherchieren, auf meine hehren Gedanken kommt es an und nicht auf die Niederungen des Schreibens, das ist auch altmodisch, ich will etwas noch nie Dagewesenes der Nachwelt hinterlassen).

  • Sie legen das Inhaltsverzeichnis bei, falls vorhanden, und last not least

  • Ihre Bio-/Bibliografie. Herr Frustri möchte zum Schluss noch wissen, wer überhaupt dieser Autor ist, dessen Buch den Verlag aus den Miesen bringt. Geben Sie also an: Name, Adresse, Familienstand, berufliche Tätigkeit, was Sie schreiben (Lyrik, Prosa, Sachbuch, Fantasy), Literaturpreise, Eintragungen in den Kürschner Literaturkalender oder andere Nachschlagwerke, wichtige Lesungen und Schullesungen, publizierte Bücher, wichtige Veröffentlichungen (bitte keine Veröffentlichungen, für deren Druck Sie bezahlt haben durch Mindestabnahme oder weil Sie Abonnent oder Mitglied eines Vereins sind), Mitgliedschaften in anderen literarischen Vereinigungen, ehrenamtliche und redaktionelle Tätigkeiten, Fortbildungen, Jurorentätigkeiten und Ihre Homepage.

Tja, wenn Sie das alles beachtet und Ihr Manuskript in eine Klarsichtmappe gelegt haben, bleibt Ihnen nur eines: Geduld (denn leider ist der gute Herr Frustri nur eine imaginäre Person). Rechnen Sie mit mehreren Monaten, bis Sie eine Antwort erhalten. Und uns bleibt nur zu wünschen, dass Sie doch einem Herrn Frustri begegnen, der Ihre Leseprobe nicht mehr aus der Hand legen kann und den Rest auch noch lesen möchte … Viel Glück und Erfolg dabei!


(aus: Jutta Miller-Waldner und Horst Dinter: Am Anfang war die Phantasie: Über die Geheimnisse der Schreibkunst. Bd. 1)



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