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Leipziger Buchmesse 2003


   Diesmal war es strahlender Sonnenschein, der die Besucher - immerhin 88.000 an der Zahl -, zum Gelände der Leipziger Buchmesse zog. Die Glaskuppel war sonnendurchflutet. Die Kombination von Buch und Kaffee, die in den Hallen lag, faszinierte mich wie eh und je.
   Es machte Spaß, in den Gängen zu schlendern und sich die einzelnen Stände anzusehen. Die Aussteller hatten sich wieder einiges einfallen lassen, um auf sich aufmerksam zu machen. Interessant waren die Podiumsdiskussionen mit Günter Grass und Peter Scholl-Latour zur Lage im Irak-Krieg.
   Allgemein ist mir aufgefallen, dass man sehr oft angesprochen wurde. Verleger, Lektoren, Mitarbeiter - sie alle waren gerne bereit, Fragen zu beantworten oder ihr Verlagsprogramm vorzustellen und auf spezielle Bücher hinzuweisen.
   Halle 3, Stand A 107 - dort hielt eisern Willhelm Riedel die Stellung. Liebevoll hatte er die Bücher der IGdA-Mitglieder drapiert und arrangiert und die Aufnahmebögen für potenzielle neue Mitglieder in der Hand. Die Freude war groß, bekannte Gesichter zu sehen, zu plaudern und sich über die Buchmesse im Allgemeinen und im Besonderen auszutauschen. Die IGdA teilte sich den Stand mit dem ferber-verlag. Auch Grete Wassertheurer, die einen eigenen Stand ihrer Zeitschrift "Das Boot" unterhielt, besuchte den IGdA-Stand und plauderte angeregt.
   Kurz danach stießen die beiden Gewinnerinnen für die Lesung, Frau Friedeborg Stisser und Frau Magdalene Imig zum IGdA-Stand. Die Lesung war für zwölf Uhr im Forum angesetzt.
   Während der Lesung hielt Herr Fritz Helm die Stellung. Nicht zu überhören war uns gleich gegenüber der Stand eines großen Druckkostenzuschussverlages. Deren Autoren lasen mehr oder weniger lautstark aus ihren Werken.
   Ein großes Thema: Die Beteiligung der Autoren. Ich fand kaum kleine beziehungsweise mittlere Verlage, die keinerlei Zuschüsse von den Schreibern verlangen. Dafür wurde erwartet, dass die Autoren tatkräftig beim Vertrieb mithelfen. Mittlerweile glaube ich auch, dass die ca. 80.000 Neuerscheinungen, die jährlich auf dem Buchmarkt erscheinen, daraus resultieren, dass die Autoren dafür bezahlen veröffentlicht zu werden.
   Es gibt für einen Neuling bei großen Verlagen kaum eine Chance unterzukommen. Sie haben meist ihre eigenen Schreiberlinge beziehungsweise können es sich leisten, teure Lizenzen aus dem Ausland zu kaufen. Diese Auskunft erhielt ich vom Aufbau-Verlag, der nur "anspruchsvolle Literatur" verlegt, und vom Bastei-Lübbe-Verlag. Sie schränkten allerdings ein, auch über Wettbewerbe mal den einen oder anderen Autor zu verlegen.
   Unter der Hand wurden die "Guten" und die "Abzocker" gehandelt. "Der verlangt Druckkosten, macht aber den Vertrieb." "Zu dem geht man besser nicht, denn der verlangt enorme Druckkosten (vier- bis fünfstelliger Bereich!), verlangt extra für das Lektorat (wenn er denn eines macht!), und man muss auch noch selbst für den Vertrieb sorgen oder mindestens hundert Exemplare des eigenen Buches auch noch kaufen" usw. ...
   Ein Verlag in München sagte mir ehrlich (ich habe ihn auch darauf festgenagelt!), dass man sein Geld für die Druck- und weiteren Kosten nicht mehr herein bekommt. Und das war noch einer von den "Guten", die Marketing und Vertrieb für ihre Autoren vornehmen.
   Nur wenige haben es geschafft und verdienen als Freiberufliche ihr Geld mit Schreiben. Erfreuen wir uns, die noch einem Brotberuf nachgehen, an den kleinen Dingen:
  • dem Austausch mit Gleichgesinnten,
  • dem Zusammentreffen bei den Jahreshauptversammlungen oder den Regionaltreffen,
  • den Lesungen, die wir organisieren, um das Publikum zu unterhalten (ohne dabei den finanziellen Aspekt in den Vordergrund zu stellen),
  • den Workshops, an denen wir uns weiterbilden,
  • den Autoren-Stammtischen,
  • an den kleinen "Glücken", wenn eine Literaturzeitschrift unseren Text abdruckt oder wir die Nachricht bekommen, dass in der nächsten Anthologie ein Gedicht oder eine Geschichte von uns veröffentlicht wird,
  • und nicht zuletzt dem Besuch der Buchmesse, der wie immer ein Erlebnis war.
Ursula Schmid-Spreer





Nachlese zur Leipziger Buchmesse 2003


   Ich bin von der Buchmesse zurück. Noch längst sind nicht alle Eindrücke verarbeitet und noch weniger alle mitgebrachte Literatur. Es war natürlich interessant, die Vielfalt zu erleben. Aber auch ernüchternd, wenn nicht gar deprimierend, was die ganze Literaturszene angeht. Es herrschen keine normalen Verhältnisse mehr in dem Sinne, dass jeder Beteiligte seinen Job erledigt:
  • ein Autor schreibt,
  • ein Buchdrucker druckt,
  • ein Verleger veröffentlicht und vertreibt,
  • ein Buchhändler verkauft.
   Gibt es irgendwo dazwischen noch Agenten, die sowohl den Autor als auch den Verlag unterstützen? So war es einmal. Und so sollte es für mein Verständnis auch sein.
   Aber nein. Abgesehen von den wenigen "großen", namhaften Autoren, die mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit gebracht werden, sollen nach Wunsch der Verleger die Autoren doch gefälligst selbst sehen, wie sie Leser finden. Es sei denn, sie zahlen kräftig. Dann schmückt man sich gern mit Büchern und Autoren, die man schließlich ja heraus gebracht hat.
   Ich bin insofern ziemlich verärgert aus Leipzig weg gefahren. Verständnis für die Kleinen? Hm, was heißt klein? Jeder, der ein Unternehmen leitet, muss sich vorher mit seiner Geschäftsidee auseinandersetzen, den Markt sondieren und seine Unternehmungen darauf ausrichten. Wenn der kleine Verleger darauf aufbaut, dass seine Autoren sich an den Druckkosten beteiligen und den Verkauf über Lesungen erledigen, die sie selbstredend gefälligst selbst zu organisieren und auszurichten haben, dann ist ein solches Unternehmen eben in meinen Augen ein Versuch, Geld zu verdienen, nicht aber einen Verlag zu führen. Und dafür fehlt es mir nicht nur an Verständnis.
   Ein solcher Verleger kann für mich kein Partner sein. Ganz vereinzelt gibt es auch echte Kleinverleger. Die unbekannten Autoren eine Chance geben. Die aber wohl inzwischen in Deutschland an einer Hand abzuzählen sind und alle wirtschaftlich zumindest sehr wackelig da stehen. Und wodurch eben auch keine gute Partnerschaft, die beiden Seiten Nutzen bringt, möglich ist.
   In dem Zusammenhang ärgert mich ein weiterer Auswuchs dieser kranken Literaturszene. Nämlich die sogenannten Autoren-Coaches oder privaten Lektoren. Sie wollen den Autor unterstützen und fördern, was natürlich seinen mehr oder weniger angemessenen Preis hat. Wobei bitte wollen sie ihn unterstützen?
   Beim Schreiben? Wohl kaum. Um mehr aber hat sich der Autor normalerweise nicht zu kümmern. Eine Idee in Sprache und Worte umzusetzen, eine Geschichte zu erzählen, die den Leser amüsiert, unterhält, fesselt, informiert usw., das ist das, was der Autor kann und soll. Was ihm niemand abnehmen kann.
   Das fertige Werk dann aber zu veröffentlichen, dabei braucht er Unterstützung. Was nicht heißt, er muss sich ums Layout kümmern oder um den letzten Schliff vor Einreichung eines Manuskriptes an einen Verlag oder eine Redaktion. Das aber, was diese "Coaches" bieten, ist die auf die Hoffnung von Autoren und auf ihre zugegeben oft unzulängliche Kenntnis des Literaturmarktes gegründete Absicht, Geld zu verdienen. Keine Hilfe für einen Autor, der sein Handwerk versteht.
   Bleiben die wirklich hilfreichen Geister, die Agenten. Wo sind sie? Große Namen immer wieder in den einschlägigen Medien. Die Leipziger Buchmesse ignorieren sie seit Bestehen. Und für unbekannte Autoren sind sie genau so wenig ansprechbar wie die Verlage. So gibt es sie, wie es auch die wirklichen Verlage gibt. Aber nur außerhalb des Bereiches, in dem sich jeder Autor bewegt, der nicht entdeckt wurde oder dem die nötigen Beziehungen zu einem Lektor oder Verleger oder zu Jurymitgliedern der zahllosen Wettbewerbe fehlen.

Antje E. Schnabl